© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Kapitel 1 An einem Morgen im Januar klang plötzlich alles anders. Was ich sonst gewöhnt war zu hören: die Geräusche der Stadt, in der keine Autos fahren, keine Mopeds, noch nicht einmal Fahrräder, einer Stadt, in der man noch die Schritte und die Stimmen seiner Bewohner hört. Das Erwachen des Campo di Posto war mir so vertraut wie mein eigener Herz- schlag. Zuerst, noch mit geschlossenen Augen, höre ich das Rasseln der Ladengitter, die nach oben gezogen werden. Kurz darauf Ciaras Stimme, die den Kindern ihre täglichen Ermahnungen hinterherruft, und das Lachen der Mädchen, die ihr brav antworten und doch spätestens an der nächsten Straßenecke alle guten Vorsätze vergessen haben. Ich erkenne die gemessenen Schritte des älteren Herrn, der zwei Stockwerke unter mir wohnt, und das hastige Tippeln von Signora Fabri, die sich beeilt, auf ihren hohen Absätzen zur Arbeit zu kommen. Kurz danach erscheint Andrea, der Gemüsehändler mit seinem hochrädrigen Karren, den er die Brücke hinaufzieht, um ihn auf der anderen Seite klack-klack-klack herunterrollen zu lassen. Jeden Morgen pfeift er den Kanarienvögeln in ihren Käfigen etwas vor. Alles das ist meine Morgenmusik, der Hahnenschrei, zu dem ich die Augen öffne und den neuen Tag begrüße. An diesem Morgen aber scheinen alle diese vertrauten Töne wie unter einer dicken Decke erstickt zu sein. Einen Herzschlag lang fürchte ich, dass meine Ohren mich im Stich lassen. Aber dann fühle ich mehr, als dass ich schon begreife, dass das ungewohnte silberne Flimmern, das das Zimmer erfüllt, und diese seltsame Stille zusammengehören. Neugierig befreie ich mich aus der warmen Umarmung meiner Decke und laufe hinüber zum Fenster. Und da liegt nun zu meinen Füßen eine weiße Welt! Meine geliebte Stadt Venedig scheint im Schnee versunken zu sein! Man hatte mir schon öfter versichert, dass dieses seltene Ereignis zu den Wundern Venedigs gehört, aber ich hatte es noch nie erlebt. Ich hole meinen Mantel, ziehe schnell ein paar feste Schuhe an und öffne die Tür zu meiner Dachterrasse. Der Blick von hier, über die Stadt, zur Kuppel des Markusdoms und dem spitzen Finger des Campanile, die Giudecca und, verwaschen gegen einen milchigen Himmel, die Lagune dahinter, beglückt mich jeden Morgen aufs Neue. Dieser Blick über die Stadt gab den Ausschlag, diese Wohnung zu nehmen. Weshalb ich trotz der viel zu vielen Treppen, der hohen Miete, der Hitze im Sommer und der Kälte im Winter an dieser meiner winzigen Behausung in der Ecke eines alten Palazzos mehr hänge als an nahezu jedem anderen Zuhause, das ich je hatte. Diese Dachterrasse, die mir die Weite und Pracht bietet, die dem Inneren der Wohnung fehlt! Hier fühle ich mich frei und reich, als gehöre mir alles, was ich von hier aus umfassen kann. Ich hatte zuerst Bedenken, dass die Nähe eines Balkons, der zu einer anderen Wohnung gehört, mich stören könnte. In der Enge der typischen venezianischen Gassen hängen Häuser irgendwie aneinander und ein kleiner Teil meiner Terrassenbrüstung ist Unterbau für einen Balkon, der auch deshalb einen Meter höher liegt, weil das andere Haus höher ist als unseres und die Stockwerke des anderen Hauses nicht unseren entsprechen. Ebenso typisch für venezianische Verhältnisse ist, dass ich noch nicht einmal sicher bin, zu welchem Haus dieser Balkon gehört. Der Eingang zum dem Haus muss in einer der kleinen Gasse liegen, die auf den Campo einmünden. Der Aufstieg zu dieser Wohnung wird durch einen ähnlichen Irrgarten von Höfen und Treppenhäusern führen wie der zu meiner. Aber ich habe dort noch nie einen Menschen gesehen. Die Wohnung scheint seit langem unbewohnt. Was leider in Venedig oft der Fall ist. Obwohl jetzt immer mehr dieser ungenutzten Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt werden. Für mich ist es gut, dass niemand den anderen Balkon betritt und neugierig auf mich herunterschaut. So habe ich diesen Platz unter dem venezianischen Himmel ganz für mich alleine. Bis zu diesem einen märchenhaften Tag! Dem Tag, an dem ich zum ersten Mal erlebe, wie Venedig im Schnee versinkt und für mich ein großes Abenteuer beginnt. Aber davon ahne ich an diesem Morgen noch nichts. Als erstes rufe ich Signor Marzi an und bitte ihn um einen freien Tag. Ich höre ihn am Telefon lächeln. Ich kann ihn tatsächlich buchstäblich lächeln hören, als er mich damit aufzieht, dass ich wohl Angst hätte, wegen des Schnees das Haus zu verlassen. „Ganz im Gegenteil“, versichere ich ihm, „gerade, weil ich raus möchte…“ Eigentlich ist es egal, was er denkt. Ich bin ja nicht seine Angestellte, sondern werde nur stundenweise bezahlt. Aber wenn mich jemand fragt, wo ich arbeite, sage ich immer: „Bei Marzis Kunsthandel am Campo San Stefano.“ Die Reaktion ist meist ein anerkennendes Nicken und erspart mir zu erklären, dass ich auch noch für andere Übersetzungen mache, Deutschunterricht gebe und ab und zu putzen gehe, wenn ich die Miete noch nicht zusammen habe. Heute aber nehme ich mir frei und erobere mir erneut die geliebte Stadt. Alle vertrauten Orte unter unvertrautem Weiß. So vieles, täglich gesehen, noch nie Gesehenes. Bei jedem Schritt knirscht es unter meinen Füßen. Aber man muss höllisch aufpassen. In die Wege Venedigs sind immer wieder Marmorstreifen eingelassen, die man nicht sieht, wenn der Schnee alles abdeckt, die aber auf eine ganz andere Art schlüpfrig werden als der übliche Straßenbelag. Zweimal rutscht mir ein Fuß auf dieser plötzlich glatten Fläche weg, während der Rest von mir zurückbleibt und ich mich nur mit Mühe auf den Füßen halten kann. Also pflüge ich ein bisschen vorsichtiger durch den Schnee, bis der allmählich vergeht und schließlich nur noch rußiger Matsch übrigbleibt. Vergänglichkeit ist ein Teil des Wunderbaren. Glücklich und voll von den romantischsten Bildern mache ich mich schließlich auf den Heimweg. Als ich in unserem Viertel ankomme, ist es schon dunkel. Und dann beginnt es noch einmal zu schneien. Ich fange die Flocken mit meinen Händen und auf meiner Zunge. Ich spüre ihr Federgewicht auf meinen Augenlidern. Ich wirbele mit im Tanz der Schneeflocken. Im Schein der Straßenlaterne lächeln Vorübergehende über mich. Oder sie lächeln mich an. Ich bin hier zu Hause und sie kennen mich. Fremde kommen selten in unseren Teil der Stadt, und im Winter sind wir ganz unter uns. Ich laufe die Treppen hinauf, freue mich auf eine heiße Dusche. Im zweiten Stock gibt es mal wieder kein Licht. Die Lichtleitung, die vor historischen Zeiten an den Rückwänden der Häuser entlang gespannt worden ist, bricht immer wieder an derselben Stelle, und viele machen die alte Dame zweite Tür links dafür verantwortlich, die nicht verstehen will, dass es keine Wäscheleine ist, was da unter ihrem Küchen- fenster hängt. Mein Gasofen bringt seine unmittelbare Umgebung zum Glühen, aber die ungedämmten Wände und die alten Fenster lassen die Wärme auch gleich wieder raus. In eine Decke gewickelt und mit einer Tasse dampfenden Tees hocke ich nach der Dusche in der aufgewärmten Mitte des Zimmers und sehe zu, wie der Schnee auf meine Terrasse fällt. Dann bemerke ich plötzlich, dass sich in der Nachbarwohnung etwas tut. Die Vorhänge in dem Raum, von dem aus man den Balkon betreten kann, sind zurück- gezogen. Das Licht schneidet den Schatten eines Menschen aus. Schließlich öffnet sich die Tür zum Balkon und er wagt einen Schritt nach draußen. Ich habe den Eindruck, es müsse sich um einen Mann handeln, aber ich könnte nicht sagen, warum es mir so erscheint. Der Mensch also, der vielleicht ein Mann ist, tritt an das Gitter, schaut auf den Platz hinunter und hebt dann das Gesicht zum Himmel, als fange auch er die herabfallenden Flocken mit Freude. Am nächsten Morgen male ich Muster in den Schnee, der in der vergangenen Nacht auf meine Terrasse gefallen ist. Ich höre, dass sich die Tür der anderen Wohnung erneut öffnet, aber ich drehe mich nicht um. Der Nachbar hustet, als wolle er auf sich aufmerksam machen. Als ich schließlich zu ihm aufschaue, starrt er in den Himmel, als wäre es ihm peinlich. Ich rufe ihm ein: „Buon Giorno!“ zu. Er wirft mir nur einen Blick zu, nickt kurz und verschwindet, als hätte ich ihn vertrieben. Die Tür schließt sich hinter ihm. ‚Das ist aber mal ein schöner Mann!‘ geht mir durch den Kopf. Einer, der einem alten Gemälde entstiegen sein könnte. Groß und wohlgeformt, soweit ich sehen kann. Dunkle Locken, dunkle Augen, aber dennoch geht etwas Helles, Strahlendes von ihm aus. So, als brenne in ihm ein silbernes Licht. Wie das Licht der Straßenlaternen im fallenden Schnee. Signor Marzis Kunsthandel am Campo San Stefano ähnelt vielleicht mehr einem Museum als einem Laden. Da, wo das Publikum unter Glockengeläut eintritt, steht nur eine diskrete Theke in einer gut beleuchteten Ecke. Der Rest des Raumes dient den Kunstwerken, die an den Wänden hängen, in Vitrinen vor jedem Zugriff sicher sind oder im Licht von Deckenspots stehen, so dass der Betrachter genug Raum hat, sich ihnen von allen Seiten zu nähern. Hinter einem Durchgang liegen die anderen Räume, in denen der Hauptteil der Geschäfte stattfindet: das Büro von Marzi, das allgemeine Büro, in dem alle sitzen, die hier etwas zu tun haben, wenn sie gerade einmal anwesend sind, Toiletten, das Lager und der Raum, der gesichert ist wie ein Safe, und nachts auch als solcher fungiert. Und unsere wichtigste Unterstützung bei der Arbeit: die Kaffeemaschine und der Kühlschrank! Der Kunsthandel, so wie ihn Signor Marzi betreibt, ist ein diskretes und geheimnisvolles Geschäft, welches mich manchmal an Schmuggelei erinnert, obwohl jeder außer Marzi selbst diesen Vergleich weit von sich weisen würde. Aber es geschieht nicht selten, dass eine geflüsterte Nachricht eintrifft, über die vage Möglichkeit, dass irgendwo, in einer Haushaltsauflösung, einem Notverkauf, auf dem Lande, wo man sich nicht auskennt, ein seltenes Objekt zu finden sein könnte. Ein Kunstwerk, das als verloren galt oder von dessen Existenz keiner wusste. Dann setzt sich Marzi in Gang oder er schickt einen seiner Leute, um Stunden oder Tage später zurückzukehren, mit Beute oder mit leeren Händen. Signor Marzi kümmert sich persönlich nur um einige wenige ausgesuchte Objekte. Er liebt es, wie ein Spürhund einem Duft zu folgen und buchstäblich Schätze aus dem Dreck zu wühlen, wofür er ein gutes Händchen hat. Den Rest besorgen seine Männer: Francesco und Lorenzo. Francesco ist eigentlich viel zu alt, um noch beim Vornamen gerufen zu werden, aber es war halt immer so. Er ist schon lange Rentner. Aber er hat bereits für Marzis Vater gearbeitet und wird nur noch ab und zu dazu gerufen, wenn es sich um eine ältere Witwe handelt, mit der komplizierte Verhandlungen geführt werden müssen. Lorenzo ist Francescos offizieller Nachfolger und auch irgendwie verwandt mit ihm. Er ist meist unterwegs, entweder um potentielle und tatsächliche Kunden bei guter Laune zu halten oder um Bestände in Augenschein zu nehmen und abzuschätzen, ob sich der Ankauf lohnen würde. Von seiner Berufsausbildung her ist er ein Kaufmann. Was er vom Kunsthandel versteht, hat er vor allem bei Marzi gelernt. Im Laden beschäftigt Marzi noch zwei Halbtagskräfte, die vor allem Sekretariats- und Buchhaltungsarbeiten erledigen. Sie empfangen auch die Kunden, vor allem um festzustellen, ob diese ernst zu nehmen sind. Falls das der Fall ist, rufen sie den Chef oder Lorenzo, falls er gerade einmal da ist. Wenn es gar nicht anders geht, rufen sie mich. Geht es nur um einen schnell abzuschließenden Verkauf, dürfen sie selbst tätig werden. Ab und zu beauftragt Marzi natürlich auch externe Sachverständige, die je nach Auftrag bezahlt werden. Zu denen kann ich mich noch nicht zählen, mit meinen paar Semestern Italienischer Kunstgeschichte. Aber ich arbeite hart daran, meine Kenntnisse zu erweitern und Marzi beobachtet es mit Wohlwollen. Im Grunde diene ich ihm stundenweise als ‚Mädchen für alles‘ und arbeite vor allem als Übersetzerin. Marzi selbst spricht selbstverständlich mehrere Sprachen, jedoch so, dass seine Klugheit es ihm gebietet, seinen natürlichen Charme nur in persönlichen Begegnungen spielen zu lassen, und sich schriftlich lieber unzweideutiger auszu- drücken. Meine fachlichen Kenntnisse in verschiedenen Sprachen sind dafür ausrei- chend und wenn nicht, so ist er immer bereit, mir zu erklären, worum es geht. Manchmal denke ich, er beschäftigt mich auch deshalb, weil er ein bisschen Mitleid mit mir hat, und es genießt, ein solch armes Geschöpf wie mich am Leben zu halten. Das mag auch daran liegen, dass er zwar zwei Söhne hat, aber irgendwie eine Tochter vermisst. Tatsächlich ist er ein fast immer korrekter Arbeitgeber, der sich nur in schwachen Stunden einen Anfall von feinem Humor gestattet oder auch einmal einen Wutanfall. Je nachdem. Hin und wieder wage ich es, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich ihm noch viel nützlicher sein könnte, wenn er sich dazu durchringen könnte, mir eine feste Stelle zu geben, aber auf diesem Ohr ist er so gut wie taub. Mir geht es ja nicht nur um das Gehalt, obwohl ich schon lange nicht mehr die Nase über die Sicherheit eines festen Einkommens rümpfen würde. Es ist auch, weil ich finde, dass es für mich langsam Zeit wird, mir eine Berufsbezeichnung zuzulegen, anstatt mich von zufälligem Job zu zufälligem Job zu hangeln. Ein Magister in Romanistik ist noch nicht einmal als Titel besonders eindrucksvoll, als Berufsbeschreibung ist er völlig untauglich. Im Handel mit Kunst verbände sich mein Interesse für Italien und für die italienische Kunst mit einer durchaus praktischen Seite. Da geht es einmal darum, etwas zu entdecken, was sehr spannend sein kann, und andererseits darum, welche Preise sich erzielen lassen, als Käufer oder als Verkäufer. Ich könnte mir einen Berufsweg im Kunsthandel absolut vorstellen. Aber so wie die Dinge liegen, stehe ich ihm, wie jedem anderen auch, nur stundenweise zur Verfügung. Romantiker nennen das: Freiheit. Aber es hat wenig davon. Immer wieder Jobs zu finden, ist nicht einfach, und obwohl sich meine Auftraggeber der Freiheit erfreuen, mich zu nehmen oder mich abzulehnen, kann ich mir den Luxus, einen Auftrag abzulehnen, nur selten leisten. Heute mache ich die monatliche Auswertung internationaler Zeitschriften. Was Signor Marzi interessiert, ist jede Art von Hinweis, je versteckter, desto besser, in denen Kunstwerke nicht ganz gewisser Herkunft gemeldet werden, ebenso wie Veröffentlichungen über halbbekannte oder unbekannte Künstler. Denn Signor Marzi handelt nicht nur mit Kunstwerken, er sammelt auch selbst, wobei das Bedürfnis nach ästhetischem Genuss und gewinnbringender Investition sich durchaus die Waage halten. Als ich von der Arbeit nach Hause komme, ist es schon dunkel. Auf der Dach- terrasse liegt immer noch Schnee, aber er ist zusammengebacken. Keine lockere Flockigkeit mehr. In der Nachbarwohnung sind die Vorhänge noch nicht zugezogen und so kann ich den neuen Nachbarn in einem Zimmer sehen, das eine Art Wohnzimmer oder Salon zu sein scheint. Im Licht der Deckenlampe steht er dort. Seine Aufmerk- samkeit ist auf einen Punkt konzentriert, der sich meinem Blick entzieht, aber ich habe nicht den Eindruck, als gelte sein Interesse einem dort Sitzenden. Im Gegenteil, er erweckt den Eindruck, auf eine sehr grundsätzliche Weise allein zu sein, und ich fühle so etwas wie Mitleid, wie man es mit einem Tauben oder Blinden empfindet.
Venezianischer Schnee - Leseprobe
Renate Dietrich
© Renate Dietrich
Venezianischer Schnee - Leseprobe
Kapitel 1 An einem Morgen im Januar klang plötzlich alles anders. Was ich sonst gewöhnt war zu hören: die Geräusche der Stadt, in der keine Autos fahren, keine Mopeds, noch nicht einmal Fahrräder, einer Stadt, in der man noch die Schritte und die Stimmen seiner Bewohner hört. Das Erwachen des Campo di Posto war mir so vertraut wie mein eigener Herzschlag. Zuerst, noch mit geschlossenen Augen, höre ich das Rasseln der Ladengitter, die nach oben gezogen werden. Kurz darauf Ciaras Stimme, die den Kindern ihre täglichen Ermahnungen hinterherruft, und das Lachen der Mädchen, die ihr brav antworten und doch spätestens an der nächsten Straßenecke alle guten Vorsätze vergessen haben. Ich erkenne die gemessenen Schritte des älteren Herrn, der zwei Stockwerke unter mir wohnt, und das hastige Tippeln von Signora Fabri, die sich beeilt, auf ihren hohen Absätzen zur Arbeit zu kommen. Kurz danach erscheint Andrea, der Gemüsehändler mit seinem hochrädrigen Karren, den er die Brücke hinaufzieht, um ihn auf der anderen Seite klack-klack- klack herunterrollen zu lassen. Jeden Morgen pfeift er den Kanarienvögeln in ihren Käfigen etwas vor. Alles das ist meine Morgenmusik, der Hahnenschrei, zu dem ich die Augen öffne und den neuen Tag begrüße. An diesem Morgen aber scheinen alle diese vertrauten Töne wie unter einer dicken Decke erstickt zu sein. Einen Herzschlag lang fürchte ich, dass meine Ohren mich im Stich lassen. Aber dann fühle ich mehr, als dass ich schon begreife, dass das ungewohnte silberne Flimmern, das das Zimmer erfüllt, und diese seltsame Stille zusammengehören. Neugierig befreie ich mich aus der warmen Umarmung meiner Decke und laufe hinüber zum Fenster. Und da liegt nun zu meinen Füßen eine weiße Welt! Meine geliebte Stadt Venedig scheint im Schnee versunken zu sein! Man hatte mir schon öfter ver- sichert, dass dieses seltene Ereignis zu den Wundern Venedigs gehört, aber ich hatte es noch nie erlebt. Ich hole meinen Mantel, ziehe schnell ein paar feste Schuhe an und öffne die Tür zu meiner Dach- terrasse. Der Blick von hier, über die Stadt, zur Kuppel des Markusdoms und dem spitzen Finger des Campanile, die Giudecca und, verwaschen gegen einen milchigen Himmel, die Lagune dahinter, beglückt mich jeden Morgen aufs Neue. Dieser Blick über die Stadt gab den Ausschlag, diese Wohnung zu nehmen. Weshalb ich trotz der viel zu vielen Treppen, der hohen Miete, der Hitze im Sommer und der Kälte im Winter an dieser meiner winzigen Behausung in der Ecke eines alten Palazzos mehr hänge als an nahezu jedem anderen Zuhause, das ich je hatte. Diese Dachterrasse, die mir die Weite und Pracht bietet, die dem Inneren der Wohnung fehlt! Hier fühle ich mich frei und reich, als gehöre mir alles, was ich von hier aus umfassen kann. Ich hatte zuerst Bedenken, dass die Nähe eines Balkons, der zu einer anderen Wohnung gehört, mich stören könnte. In der Enge der typischen venezia- nischen Gassen hängen Häuser irgendwie aneinander und ein kleiner Teil meiner Terrassenbrüstung ist Unterbau für einen Balkon, der auch deshalb einen Meter höher liegt, weil das andere Haus höher ist als unseres und die Stockwerke des anderen Hauses nicht unseren entsprechen. Ebenso typisch für venezianische Verhältnisse ist, dass ich noch nicht einmal sicher bin, zu welchem Haus dieser Balkon gehört. Der Eingang zum dem Haus muss in einer der kleinen Gasse liegen, die auf den Campo einmünden. Der Aufstieg zu dieser Woh- nung wird durch einen ähnlichen Irrgarten von Höfen und Treppenhäusern führen wie der zu meiner. Aber ich habe dort noch nie einen Menschen gesehen. Die Wohnung scheint seit langem unbe- wohnt. Was leider in Venedig oft der Fall ist. Obwohl jetzt immer mehr dieser ungenutzten Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt werden. Für mich ist es gut, dass niemand den anderen Balkon betritt und neugierig auf mich herunterschaut. So habe ich diesen Platz unter dem veneziani-schen Himmel ganz für mich alleine. Bis zu diesem einen märchenhaften Tag! Dem Tag, an dem ich zum ersten Mal erlebe, wie Venedig im Schnee versinkt und für mich ein großes Abenteuer beginnt. Aber davon ahne ich an diesem Morgen noch nichts. Als erstes rufe ich Signor Marzi an und bitte ihn um einen freien Tag. Ich höre ihn am Telefon lächeln. Ich kann ihn tatsächlich buchstäblich lächeln hören, als er mich damit aufzieht, dass ich wohl Angst hätte, wegen des Schnees das Haus zu verlassen. „Ganz im Gegenteil“, versichere ich ihm, „gerade, weil ich raus möchte…“ Eigentlich ist es egal, was er denkt. Ich bin ja nicht seine Angestellte, sondern werde nur stundenweise bezahlt. Aber wenn mich jemand fragt, wo ich arbeite, sage ich immer: „Bei Marzis Kunsthandel am Campo San Stefano.“ Die Reaktion ist meist ein aner- kennendes Nicken und erspart mir zu erklären, dass ich auch noch für andere Übersetzungen mache, Deutschunterricht gebe und ab und zu putzen gehe, wenn ich die Miete noch nicht zusammen habe. Heute aber nehme ich mir frei und erobere mir erneut die geliebte Stadt. Alle vertrauten Orte unter unvertrautem Weiß. So vieles, täglich gesehen, noch nie Gesehenes. Bei jedem Schritt knirscht es unter meinen Füßen. Aber man muss höllisch aufpassen. In die Wege Venedigs sind immer wieder Marmorstreifen einge- lassen, die man nicht sieht, wenn der Schnee alles abdeckt, die aber auf eine ganz andere Art schlüpfrig werden als der übliche Straßenbelag. Zweimal rutscht mir ein Fuß auf dieser plötzlich glatten Fläche weg, während der Rest von mir zurückbleibt und ich mich nur mit Mühe auf den Füßen halten kann. Also pflüge ich ein bisschen vorsichtiger durch den Schnee, bis der allmählich vergeht und schließlich nur noch rußiger Matsch übrigbleibt. Vergänglichkeit ist ein Teil des Wunderbaren. Glücklich und voll von den romantischsten Bildern mache ich mich schließlich auf den Heimweg. Als ich in unserem Viertel ankomme, ist es schon dunkel. Und dann beginnt es noch einmal zu schneien. Ich fange die Flocken mit meinen Händen und auf meiner Zunge. Ich spüre ihr Federgewicht auf meinen Augenlidern. Ich wirbele mit im Tanz der Schnee- flocken. Im Schein der Straßenlaterne lächeln Vorüber- gehende über mich. Oder sie lächeln mich an. Ich bin hier zu Hause und sie kennen mich. Fremde kommen selten in unseren Teil der Stadt, und im Winter sind wir ganz unter uns. Ich laufe die Treppen hinauf, freue mich auf eine heiße Dusche. Im zweiten Stock gibt es mal wieder kein Licht. Die Lichtleitung, die vor historischen Zeiten an den Rückwänden der Häuser entlang gespannt worden ist, bricht immer wieder an derselben Stelle, und viele machen die alte Dame zweite Tür links dafür verantwortlich, die nicht verstehen will, dass es keine Wäscheleine ist, was da unter ihrem Küchenfenster hängt. Mein Gasofen bringt seine unmittelbare Umgebung zum Glühen, aber die ungedämmten Wände und die alten Fenster lassen die Wärme auch gleich wieder raus. In eine Decke gewickelt und mit einer Tasse dampfenden Tees hocke ich nach der Dusche in der aufgewärmten Mitte des Zimmers und sehe zu, wie der Schnee auf meine Terrasse fällt. Dann bemerke ich plötzlich, dass sich in der Nachbarwohnung etwas tut. Die Vorhänge in dem Raum, von dem aus man den Balkon betreten kann, sind zurückgezogen. Das Licht schneidet den Schatten eines Menschen aus. Schließlich öffnet sich die Tür zum Balkon und er wagt einen Schritt nach draußen. Ich habe den Eindruck, es müsse sich um einen Mann handeln, aber ich könnte nicht sagen, warum es mir so erscheint. Der Mensch also, der vielleicht ein Mann ist, tritt an das Gitter, schaut auf den Platz hinunter und hebt dann das Gesicht zum Himmel, als fange auch er die herabfallenden Flocken mit Freude. Am nächsten Morgen male ich Muster in den Schnee, der in der vergangenen Nacht auf meine Terrasse gefallen ist. Ich höre, dass sich die Tür der anderen Wohnung erneut öffnet, aber ich drehe mich nicht um. Der Nachbar hustet, als wolle er auf sich aufmerksam machen. Als ich schließlich zu ihm auf- schaue, starrt er in den Himmel, als wäre es ihm pein- lich. Ich rufe ihm ein: „Buon Giorno!“ zu. Er wirft mir nur einen Blick zu, nickt kurz und ver-schwindet, als hätte ich ihn vertrieben. Die Tür schließt sich hinter ihm. ‚Das ist aber mal ein schöner Mann!‘ geht mir durch den Kopf. Einer, der einem alten Gemälde entstiegen sein könnte. Groß und wohlgeformt, soweit ich sehen kann. Dunkle Locken, dunkle Augen, aber dennoch geht etwas Helles, Strahlendes von ihm aus. So, als brenne in ihm ein silbernes Licht. Wie das Licht der Straßenlaternen im fallenden Schnee. Signor Marzis Kunsthandel am Campo San Stefano ähnelt vielleicht mehr einem Museum als einem Laden. Da, wo das Publikum unter Glockengeläut eintritt, steht nur eine diskrete Theke in einer gut beleuchteten Ecke. Der Rest des Raumes dient den Kunstwerken, die an den Wänden hängen, in Vitrinen vor jedem Zugriff sicher sind oder im Licht von Deckenspots stehen, so dass der Betrachter genug Raum hat, sich ihnen von allen Seiten zu nähern. Hinter einem Durchgang liegen die anderen Räume, in denen der Hauptteil der Geschäfte statt- findet: das Büro von Marzi, das allgemeine Büro, in dem alle sitzen, die hier etwas zu tun haben, wenn sie gerade einmal anwesend sind, Toiletten, das Lager und der Raum, der gesichert ist wie ein Safe, und nachts auch als solcher fungiert. Und unsere wich- tigste Unterstützung bei der Arbeit: die Kaffee- maschine und der Kühlschrank! Der Kunsthandel, so wie ihn Signor Marzi betreibt, ist ein diskretes und geheimnisvolles Geschäft, welches mich manchmal an Schmuggelei erinnert, obwohl jeder außer Marzi selbst diesen Vergleich weit von sich weisen würde. Aber es geschieht nicht selten, dass eine geflüsterte Nachricht eintrifft, über die vage Möglichkeit, dass irgendwo, in einer Haushaltsauf- lösung, einem Notverkauf, auf dem Lande, wo man sich nicht auskennt, ein seltenes Objekt zu finden sein könnte. Ein Kunstwerk, das als verloren galt oder von dessen Existenz keiner wusste. Dann setzt sich Marzi in Gang oder er schickt einen seiner Leute, um Stunden oder Tage später zurückzu-kehren, mit Beute oder mit leeren Händen. Signor Marzi kümmert sich persönlich nur um einige wenige ausgesuchte Objekte. Er liebt es, wie ein Spürhund einem Duft zu folgen und buchstäblich Schätze aus dem Dreck zu wühlen, wofür er ein gutes Händchen hat. Den Rest besorgen seine Männer: Francesco und Lorenzo. Francesco ist eigentlich viel zu alt, um noch beim Vornamen gerufen zu werden, aber es war halt immer so. Er ist schon lange Rentner. Aber er hat bereits für Marzis Vater gearbeitet und wird nur noch ab und zu dazu gerufen, wenn es sich um eine ältere Witwe han- delt, mit der komplizierte Verhandlungen geführt wer- den müssen. Lorenzo ist Francescos offizieller Nachfolger und auch irgendwie verwandt mit ihm. Er ist meist unter- wegs, entweder um potentielle und tatsächliche Kun- den bei guter Laune zu halten oder um Bestände in Augenschein zu nehmen und abzuschätzen, ob sich der Ankauf lohnen würde. Von seiner Berufsausbildung her ist er ein Kaufmann. Was er vom Kunsthandel versteht, hat er vor allem bei Marzi gelernt. Im Laden beschäftigt Marzi noch zwei Halbtagskräfte, die vor allem Sekretariats- und Buch- haltungsarbeiten erledigen. Sie empfangen auch die Kunden, vor allem um festzustellen, ob diese ernst zu nehmen sind. Falls das der Fall ist, rufen sie den Chef oder Lorenzo, falls er gerade einmal da ist. Wenn es gar nicht anders geht, rufen sie mich. Geht es nur um einen schnell abzuschließenden Verkauf, dürfen sie selbst tätig werden. Ab und zu beauftragt Marzi natürlich auch externe Sachverständige, die je nach Auftrag bezahlt werden. Zu denen kann ich mich noch nicht zählen, mit meinen paar Semestern Italienischer Kunstgeschichte. Aber ich arbeite hart daran, meine Kenntnisse zu erweitern und Marzi beobachtet es mit Wohlwollen. Im Grunde diene ich ihm stundenweise als ‚Mädchen für alles‘ und arbeite vor allem als Übersetzerin. Marzi selbst spricht selbstverständlich mehrere Sprachen, jedoch so, dass seine Klugheit es ihm gebietet, seinen natürlichen Charme nur in per- sönlichen Begegnungen spielen zu lassen, und sich schriftlich lieber unzweideutiger auszudrücken. Meine fachlichen Kenntnisse in verschiedenen Sprachen sind dafür ausreichend und wenn nicht, so ist er immer bereit, mir zu erklären, worum es geht. Manchmal denke ich, er beschäftigt mich auch deshalb, weil er ein bisschen Mitleid mit mir hat, und es genießt, ein solch armes Geschöpf wie mich am Leben zu halten. Das mag auch daran liegen, dass er zwar zwei Söhne hat, aber irgendwie eine Tochter vermisst. Tatsächlich ist er ein fast immer korrekter Arbeitgeber, der sich nur in schwachen Stunden einen Anfall von feinem Humor gestattet oder auch einmal einen Wutanfall. Je nachdem. Hin und wieder wage ich es, ihn darauf auf- merksam zu machen, dass ich ihm noch viel nützlicher sein könnte, wenn er sich dazu durchringen könnte, mir eine feste Stelle zu geben, aber auf diesem Ohr ist er so gut wie taub. Mir geht es ja nicht nur um das Gehalt, obwohl ich schon lange nicht mehr die Nase über die Sicherheit eines festen Einkommens rümpfen würde. Es ist auch, weil ich finde, dass es für mich langsam Zeit wird, mir eine Berufsbezeichnung zuzu- legen, anstatt mich von zufälligem Job zu zufälligem Job zu hangeln. Ein Magister in Romanistik ist noch nicht einmal als Titel besonders eindrucksvoll, als Berufsbeschreibung ist er völlig untauglich. Im Handel mit Kunst verbände sich mein Interesse für Italien und für die italienische Kunst mit einer durchaus praktischen Seite. Da geht es einmal darum, etwas zu entdecken, was sehr spannend sein kann, und andererseits darum, welche Preise sich erzielen lassen, als Käufer oder als Verkäufer. Ich könnte mir einen Berufsweg im Kunsthandel absolut vorstellen. Aber so wie die Dinge liegen, stehe ich ihm, wie jedem anderen auch, nur stundenweise zur Verfügung. Romantiker nennen das: Freiheit. Aber es hat wenig davon. Immer wieder Jobs zu finden, ist nicht einfach, und obwohl sich meine Auftraggeber der Freiheit erfreuen, mich zu nehmen oder mich abzulehnen, kann ich mir den Luxus, einen Auftrag abzulehnen, nur selten leisten. Heute mache ich die monatliche Auswertung internationaler Zeitschriften. Was Signor Marzi interes- siert, ist jede Art von Hinweis, je versteckter, desto besser, in denen Kunstwerke nicht ganz gewisser Herkunft gemeldet werden, ebenso wie Veröffentli- chungen über halbbekannte oder unbekannte Künstler. Denn Signor Marzi handelt nicht nur mit Kunstwerken, er sammelt auch selbst, wobei das Bedürfnis nach ästhetischem Genuss und gewinnbringender Investi- tion sich durchaus die Waage halten. Als ich von der Arbeit nach Hause komme, ist es schon dunkel. Auf der Dachterrasse liegt immer noch Schnee, aber er ist zusammengebacken. Keine lockere Flockigkeit mehr. In der Nachbarwohnung sind die Vorhänge noch nicht zugezogen und so kann ich den neuen Nachbarn in einem Zimmer sehen, das eine Art Wohnzimmer oder Salon zu sein scheint. Im Licht der Deckenlampe steht er dort. Seine Aufmerk- samkeit ist auf einen Punkt konzentriert, der sich meinem Blick entzieht, aber ich habe nicht den Eindruck, als gelte sein Interesse einem dort Sitzen- den. Im Gegenteil, er erweckt den Eindruck, auf eine sehr grundsätzliche Weise allein zu sein, und ich fühle so etwas wie Mitleid, wie man es mit einem Tauben oder Blinden empfindet.