Kapitel 1
‚Während
Antonio
Balestra
als
Vertreter
eines
späten
Barocks
in
dessen
gewaltigen,
fürstlichen
Formen
auch
Männlichkeit,
nämlich
seine
eigene
Männlichkeit,
darstellt,
gehört
die
leichtere,
elegantere
Weiblichkeit
von
Rosalba
Carriera
schon
vollständig
dem
sich
gerade
entwickelnden
Rokoko
an.‘
In
das
Ende
dieses
Satzes,
den
ich
nach
reiflicher
Überlegung
in
den
Computer
tippe,
bricht
Luigis
Gebrüll
ein
und
holt
mich
abrupt in die Wirklichkeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts zurück.
Ich
rase
ins
Kinderzimmer
hinüber.
Da
sitzt
der
edle
Luigi
D’Este
auf
dem
Boden
und
hält
in
der
linken
Hand
den
Körper
einer
bemalten
Holzgiraffe
und
in
der
rechten
Hand
den
abgebrochenen
Hals
mit
dem
kleinen
Giraffenkopf
obendrauf.
Er
brüllt,
nicht
aus
Schmerz
oder
Kummer,
sondern
aus
Wut,
dass
die
Giraffe
ihm
schließlich
doch
nachgegeben
hat,
weil
ihren
Hals
abzubrechen
schon
seit
Tagen
sein
Ziel
war
und
sie
ihm bisher tapfer Widerstand geleistet hat.
Ich
hocke
mich
dazu
und
nehme
ihm
vorsichtig
die
beiden
Teile
Giraffe
aus
den
Händen,
um
zu
untersuchen,
ob
da
noch
etwas
zu
machen
ist.
Es
will
mir
scheinen,
dass
die
Giraffe
vielleicht
geheilt
werden
kann,
aber
dann
vielleicht
keine
Giraffe
mehr
ist, sondern höchstens ein etwas seltsames Okapi.
Luigi
hat
sich
schon
deshalb
beruhigt,
weil
ich
aufgetaucht
bin
und
sofort
begriffen
habe,
was
der
Anlass
für
seinen
Wutausbruch
war.
Nun
mustert
er
mich
interessiert,
als
ob
er
darauf
wartet,
wie
ich
wohl
reagieren
werde.
Mein
kleiner
Sohn
erstaunt
mich
immer wieder.
Ich
frage
mich
oft,
wessen
Charakter
er
eigentlich
geerbt
hat.
Ich
rege
mich
eigentlich
selten
auf.
Ich
bin
sogar
ziemlich
vernünftig,
wenn
ich
das
von
mir
selbst
behaupten darf. Eben immer noch recht kühl und deutsch.
Sein
italienischer
Vater
kann
sehr
leidenschaftlich
werden
und
ich
bin
dankbar
dafür,
aber
selten
sind
seine
Ausbrüche
wuterfüllt
oder
destruktiv.
Eher
folgt
auf
einen
seiner
seltenen
Wutausbrüche
schnell
ein
verlegenes
Lachen,
weil
er
selbst
merkt,
dass
er
gerade übers Ziel hinausgeschossen ist.
Dieser
unser
Sohn
einer
deutschen
Mutter
und
eines
italienischen
Vaters,
die
ihn
beide
grenzenlos
lieben
und
auf
jede
seiner
Regungen
zu
reagieren
bereit
sind,
hat
explosive
Wutausbrüche,
wenn
sich
die
Welt
nicht
seinen
Wünschen
beugt.
Und
er
gerät
in
dieselbe
Wut,
wenn
etwas
seinen
Anstrengungen
nachgibt,
obwohl
man
ihm
vorausgesagt hat, das könnte niemals geschehen.
Signora
D’Este
versucht
mich
damit
zu
beruhigen,
dass
es
eine
ganz
normale
Phase
in
der
Entwicklung
kleiner
Jungen
wäre:
Die
Welt
zu
entdecken
bedeutete,
erst
einmal
alles
auseinanderzunehmen,
um
zu
erfahren,
was
dahintersteckt,
aber
auch,
ob
das
Kaputtmachen
schlimme
Konsequenzen
haben
könnte.
Dieses
Erfahren
der
eigenen
Grenzen
und
die
Verzweiflung
darüber,
nicht
allmächtig
zu
sein,
gehöre
zum
Aufwachsen
dazu.
Nun
hat
Signora
D’Este
selbst
zwar
nie
Kinder
gehabt,
dafür
ist
sie
mit
zwei
Brüdern
aufgewachsen,
und
deshalb
versuche
ich,
ihr
erst
einmal
zu
glauben
und abzuwarten.
„Da
wirst
du
wohl
deinen
Vater
oder
deinen
Großvater
bitten
müssen,
dir
eine
neue
Giraffe
zu
schnitzen!“,
versuche
ich
es
mit
einem
leicht
vorwurfsvollen
Ton.
Luigi
schaut
mich
mit
seinen
großen,
staunenden
Kinderaugen
an,
schiebt
die
Unterlippe
ein
bisschen
vor
und
denkt
sichtbar
nach.
Will
er
die
Giraffe
ersetzt
haben,
obwohl
sie
ihn
enttäuscht hat? Dann verkündet er: „Will keine Graffe. Will Löwe!“
Ein
neues
Wort!
Er
hat
viele
Worte
dadurch
gelernt,
dass
Angelo
oder
sein
Vater
ihm
Häuser,
Bäume,
Tiere
oder
Wagen
geschnitzt
haben.
Wenn
er
es
sich
wünschen
kann,
wenn
er
ein
Wort
dafür
hat,
dann
bemühen
sich
diese
beiden
Zauberer,
ihm
seinen
Wunsch
auch
zu
erfüllen.
So
sind
sie
für
die
Substantive
zuständig,
ich
dagegen
eher
für die Verben: ‚Will‘ und ‚Will nicht‘ stehen im Moment hoch im Kurs.
Warum
nicht
ein
Löwe?
Der
hätte
wenigstens
keinen
langen
Hals,
und
wenn
ich
Angelo
davon
überzeugen
könnte,
ihm
einen
liegenden
Löwen
mit
elegant
angelegtem
Schwanz
zu
schnitzen,
dann
gäbe
es
auch
keine
Beine
und
keinen
Schwanz,
an
denen
der
junge
Herr
seine
Kraft
erproben
könnte.
Während
er
sich
ein
anderes
Spielzeug
holt,
bleibe
ich
auf
dem
Boden
sitzen
und
bestaune
das
Wunder,
das
ich
da
zur
Welt
gebracht habe.
Obwohl
wir
zunächst
doch
völlig
planlos
ineinander
gestolpert
sind,
haben
wir
schließlich doch eine ganz konventionelle Reihenfolge eingehalten.
Kennengelernt
haben
wir
uns,
als
Angelo
in
eine
schlimme
Angelegenheit
verwickelt
war
und
ich
mich
-
so
arm
wie
eine
Kirchenmaus
-
gerade
einmal
in
Venedig,
der
Stadt
meiner Träume, am Leben erhalten konnte.
Verliebt
haben
wir
uns,
während
Angelo
ein
heimliches
zweites
Leben
weitergeführt
hat,
das
zu
dieser
Zeit
vielleicht
sogar
sein
erstes
Leben
war.
Getrennt
haben
wir
uns,
als
das
Alles
in
die
Luft
flog.
Und
wiedergefunden
haben
wir
uns,
weil
es
irgendwie
gar
nicht anders ging. Und weil in Venedig wieder einmal Schnee lag.
Geheiratet
haben
wir
bereits
drei
Monate
nach
einem
nie
erfolgten
Heiratsantrag,
weil der verrückte Bräutigam es damals völlig unnötig fand, noch länger zu warten.
Es
war
übrigens
eine
wundervolle
Hochzeit,
bei
der
wir
uns
vor
einer
erstaunlichen
Anzahl
von
Angehörigen
und
Freunden
gegenseitig
das
Versprechen
gaben,
auch
in
Zukunft für jedes Problem gemeinsam irgendeine Lösung zu finden.
Mein
Chef,
Signor
Marzi,
Besitzer
der
gleichnamigen
Kunsthandlung
auf
dem
Campo
Sant
‘Azolo,
war
Angelos
Trauzeuge.
Er
hatte
eine
rosa
Rose
im
Knopfloch,
die
er
mir
viele
Stunden
später
verehrte,
was
einer
kleinen
Liebeserklärung
gleichkam.
Aber
das
lag
sicher
daran,
dass
er
in
mir
schon
immer
die
Tochter
sieht,
die
er
nie
gehabt hat, und natürlich lag es auch an ein bisschen zu viel Champagner.
Unsere
Freundin
und
Vermieterin,
Signora
D’Este,
die
eigentlich
eine
Baroness
ist,
kam
zwar
auf
Krücken,
amüsierte
sich
aber
so
gut,
dass
sie
zu
vorgerückter
Stunde
sogar
mit
Angelos
Vater
ein
Tänzchen
wagte.
Schließlich
sei
man
ja
verwandt,
erklärte
sie,
da
können
man
sich
schon
einmal
auf
die
Zehen
treten.
Im
Übrigen
tanzten
die
zwei sehr graziös, was sich an diesem Abend nicht über alle sagen ließ.
Meine
eigenen
Eltern,
die
nie
ganz
verstanden
hatten,
warum
ich
ausgerechnet
in
Venedig
leben
wollte
und
mich
nun
sogar
dahin
verheiratete,
tanzten
ebenfalls,
ohne
damit
übel
aufzufallen
und
sangen
zu
vorgerückter
Stunde
aus
voller
Kehle
italienische
Lieder mit.
Als
wir
schließlich
glücklich
verheiratet
waren
und
uns
in
unserer
neuen
Wohnung
schon
so
gut
auskannten,
dass
wir
den
Weg
in
die
Küche
auch
im
Dunklen
fanden,
stellte
Angelo
eines
Nachts
fest,
dass
sich
der
Inhalt
unseres
Kühlschranks
seltsam
verändert
hätte.
Und
kurz
darauf
bestätigte
ein
Schwangerschaftstest
seinen
Verdacht
und seine Hoffnung.
Da
wurde
er
plötzlich
jeder
Zoll
ein
Nobile
D’Este,
der
für
den
Erhalt
der
Familie
Söhne
gezeugt
haben
wollte,
und
als
dann
unser
Luigi
auf
die
Welt
kam,
gab
es
keinen
glücklicheren
und
stolzeren
Vater,
außer
natürlich
dem
Großvater,
der
schon
beim
ersten
Besuch
einen
wunderbaren
Baukasten
für
den
Enkel
mitbrachte,
in
dem
jedes
Stück Holz etwas Besonderes hatte und etwas Besonderes darstellte.
Luigi
hat
sich
nun
einige
dieser
Heiligtümer
geholt
und
beginnt
einen
Turm
zu
bauen.
Ich
weiß,
dass
dieser
Turm
entweder
von
selbst
umfällt
oder
schließlich
von
seinem
Erbauer
zerstört
werden
wird,
aber
Tag
für
Tag
wird
der
Turm
ein
bisschen
höher,
liegen
die
Bausteine
ein
bisschen
sicherer
aufeinander,
ist
das
Gleichgewicht
länger stabil.
Luigi
lernt
und
ich
schaue
ihm
dabei
zu.
Er
hat
mein
Gesicht,
aber
Angelos
Augen.
Seltsamerweise
sind
seine
Haare
ganz
hell,
aber
ich
habe
mir
sagen
lassen,
dass
das
in
seiner
Familie
häufig
so
wäre:
blond
geboren,
aber
als
Erwachsene
außerordentlich
dunkel.
Wenn
er
so
weitermacht,
wird
er
verdammt
hübsch
werden
und
ich
kann
nur
hoffen, dass er sich niemals etwas darauf einbilden wird.
Er
soll
sich
auch
da
seinen
Vater
als
Vorbild
nehmen,
der
ein
gesundes
Selbstbewusstsein
bezüglich
seiner
Fähigkeiten
mit
einer
ruhigen
Bescheidenheit,
was
seine Person betrifft, verbindet.
Es
klappert
im
Flur.
Angelo
ist
aus
der
Kirche
zurück.
Nachdem
seine
‚Beschäftigung‘
als
Fälscher
von
Renaissancekunst
ihr
Ende
fand,
hat
er
in
wenigen
Jahren
eine
erstaunliche
Karriere
zum
Restaurateur
von
Kunstwerken
derselben
Epoche
gemacht.
Natürlich
hat
ihn
Marzi
am
Anfang
unterstützt
und
ihn
mit
den
richtigen
Leuten
zusammengebracht,
aber
Angelo
ist
das,
was
er
immer
zu
sein
behauptete,
nämlich
ein
ausgezeichneter
Handwerker
und
Kenner
der
Materie,
und
mittlerweile kann er sich seine Aufträge aussuchen und verdient damit nicht schlecht.
Im
Moment
arbeitet
er
an
drei
Tiepolos,
die
im
Altarraum
der
Kirche
Sant’Alvise
im
Sestiere
Cannaregio
hängen.
Im
Grunde
geht
es
nur
darum,
den
Staub
der
letzten
hundert
Jahre
zu
beseitigen,
aber
die
Bilder
sind
so
wertvoll,
dass
die
Arbeit
behutsam
und
sachkundig
durchgeführt
werden
muss.
Dass
er
gerade
in
dieser
Kirche
arbeitet,
amüsiert
mich
heimlich,
denn
in
der
Zeit,
in
der
wir
getrennt
waren
und
ich
unsere
Trennung
für
endgültig
halten
musste,
hatte
ich
dort
einen
anderen
Maler
kennengelernt,
der
sich
allerdings
schnell
als
ungenügender
Angelo-Ersatz
herausgestellt
hatte.
Davon
weiß
Angelo
nichts,
aber
dass
ich
mich
in
dieser
Kirche
auskenne, das weiß er.
Seit
Luigis
Geburt
arbeite
ich
nur
noch
halbtags
für
Marzi.
Unsere
häusliche
Regelung
ist
zurzeit,
dass
Angelo
sich
früh
morgens
auf
den
Weg
zur
Sant’Alvise
macht,
damit
er
mittags
rechtzeitig
zurück
ist,
um
seinen
Sohn
zu
übernehmen.
Dann
eile ich zu Marzi, um dort bis in den Abend hinein zu arbeiten.
An
den
Dienstagen,
an
denen
ich
während
des
Schuljahres
immer
noch
Sprachen
bei
den
‚Englischen
Fräulein‘
unterrichte,
besucht
Luigi
in
den
Morgenstunden
unsere
liebe
Signora
D’Este
einen
Stock
über
uns,
die
für
ihn
eine
zusätzliche
Großmutter
ist.
Ich
habe
unsere
Freundin
sogar
schon
dabei
ertappt,
dass
sie
sich
für
ihren
kleinen
Liebling
auf
dem
Boden
niederlässt,
obwohl
sie
ganz
genau
weiß,
dass
sie
nur
unter
Schmerzen
wieder
aufstehen
kann.
Für
ihn
ist
sie
seine
eigentliche
‚Nonna‘.
Sie
sieht
er
ständig,
während
die
tatsächlichen
Großmütter
nur
ab
und
zu
besucht
werden
oder
zu
Besuch kommen.
Seltsamerweise
benimmt
sich
Luigi
bei
ihr
wie
ein
kleiner
Kavalier,
ist
höflich,
geht
ihr
zur
Hand
und
würde
sich
vor
ihr
niemals
einen
solchen
Wutausbruch
leisten,
wie
er
ihn
eben
gerade
abgeliefert
hat.
Auch
darin
gleicht
er
seinem
Vater,
der
noch
ein
bisschen charmanter wird, wenn er mit unserer Vermieterin zusammentrifft.
In
der
Zeit,
in
der
ich
nicht
für
Marzi
arbeite,
bei
den
‚Englischen
Fräulein‘
unterrichte,
Angelo
und
Luigi
liebevoll
umsorge,
mich
um
unsere
Signora
D’Este
kümmere,
esse
oder
schlafe,
arbeite
ich
jetzt
ernsthaft
an
meiner
Doktorarbeit.
Ich
nenne
sie
‚Eine
Betrachtung
über
den
künstlerischen
Übergang
vom
Lehrer
Antonio
Balestra
zur
Schülerin
Rosalba
Carriera‘
und
hoffe,
damit
Angelo
nicht
allzu
sehr
in
die
Quere zu kommen, dessen Spezialität eher die Venezianische Renaissance ist.
Angelo
ist
also
zurück,
aber
er
kommt
nicht
rein
und
er
ruft
auch
nicht
nach
uns,
wie
er
es
sonst
immer
tut.
Etwas
muss
passiert
sein,
denn
es
ist
ihm
doch
immer
wichtig,
mich
zu
küssen
und
seinen
Sohn
herumzuwirbeln,
wenn
er
ein
paar
Stunden
von
uns
getrennt war. Das verheißt nichts Gutes.
Ich
suche
und
finde
ihn
in
der
Küche.
Er
sitzt
am
Küchentisch,
als
müsse
er
sich
von
etwas
erholen.
Für
einen
Augenblick
fürchte
ich,
er
könnte
krank
sein
oder
sich
verletzt
haben.
Aber
als
er
sich
zu
mir
umdreht
und
ein
Lächeln
versucht,
scheint
er
körperlich
in
Ordnung
zu
sein.
Sein
Gesichtsausdruck
ist
jedoch
so
bekümmert,
dass
es
mir
fast
weh tut. „Was ist passiert?“, frage ich, „Kann ich was für dich tun?“
Sein
Lächeln
wird
ein
bisschen
echter.
Er
streckt
mir
eine
Hand
entgegen
und
zieht
mich
an
sich.
„Mir
ist
nichts
passiert.
Keine
Angst!“,
erklärt
er,
„Ich
bin
nur
ein
bisschen
geschafft,
weil
aus
der
Sant’Alvise
ein
Bild
gestohlen
wurde.
Eine
der
acht
Kassetten
von
Lazzaro
Bastiano.
Biblische
Szenen.
Wahrscheinlich,
während
die
Kirche
für
Publikum geöffnet war und ich im Chorraum gearbeitet habe.
Die
Kassiererin
hat
ausgesagt,
dass
nur
wenige
Leute
die
Kirche
überhaupt
betreten
hätten
und
keiner
etwas
herausgetragen
hätte.
Die,
die
noch
in
der
Kirche
waren,
sind
alle
durchsucht
worden.
Ich
auch.
Die
Untersuchung
war
noch
nicht
abgeschlossen,
als
ich
gegangen
bin.
Aber
ich
habe
ihnen
erklärt,
warum
ich
nach
Hause
muss
und
sie
haben
mich
erst
mal
gehen
lassen.
Sie
haben
sich
natürlich
meine
Adresse
geben
lassen
und
sie
haben
sogar
angeordnet,
dass
ich
die
Stadt
nicht
verlassen
darf,
ohne
vorher Bescheid zu geben.“
„Glaubst
du,
sie
verdächtigen
dich?“
Ich
nehme
sein
Gesicht
in
meine
Hände,
küsse
ihn
erst
einmal
und
hoffe,
dass
ihn
das
ein
bisschen
glücklicher
macht.
Er
drückt
mich
an sich, dann lässt er mich los und fragt: „Kaffee?“.
Als
ich
gerade
die
Maschine
anwerfe,
kommt
von
der
Tür
eine
helle,
aber
kräftige
Stimme:
„Will
auch
zu
Papa!“
Angelo
steht
auf,
hebt
seinen
kleinen
Sohn
hoch
und
setzt sich dann wieder, mit ihm auf dem Schoß.
„Papa!
Graffe
kaputt!
Will
keine
mehr,
will
Löwe!“
Endlich
lacht
sein
Vater
wieder.
Und
schüttelt
den
kleinen
Übeltäter,
der
sich
aber
keinerlei
Schuld
bewusst
ist.
„So
lange
habe
ich
an
dem
Tier
gearbeitet!
Du
kleiner
Berserker!
Kann
man
es
wieder
kleben?“,
fragt
er
mich.
„Man
könnte
es
vielleicht
zu
einem
anderen
Tier
umarbeiten.
Der Hals ist wohl gesplittert. Den kann man nicht einfach wieder zusammenkleben.“
Nun
ist
die
Strafpredigt
für
den
Sohn
dran:
„Du
musst
lernen,
dass
die
Quelle
für
neues
Spielzeug
nicht
unerschöpflich
ist!“,
erklärt
ihm
sein
Vater
streng.
„Nächste
Woche
schnitze
ich
dir
einen
Löwen.
Diese
Woche
habe
ich
keine
Zeit
dafür.“
Wieder
schiebt
sich
die
kleine
Unterlippe
vor.
Aber
ein
ironischer
Blick
des
Vaters
genügt,
um
den
nächsten
Sturm
im
Keim
zu
ersticken.
Wieso
versteht
der
Kleine
schon
Vaters
Ironie, während ich jeden Wutausbruch in voller Länge durchleiden muss?
Aber
ich
habe
keine
Zeit,
darüber
nachzudenken.
Wichtiger
ist,
noch
schnell
meinen
Kaffee
zu
trinken,
die
offenen
Dateien
abzuspeichern,
den
Computer
herunterzufahren,
mich
in
meine
Dienstkleidung
zu
werfen
und
meine
Beine
unter
den
Arm
zu
nehmen,
um rechtzeitig bei Marzi einzutreffen.
Darüber
vergesse
ich
auch
erst
einmal,
was
Angelo
mir
gerade
erzählt
hat,
aber
als
ich
bei
Marzi
eintreffe,
hat
mich
die
Neuigkeit
bereits
überholt.
Da
das
gestohlene
Kunstwerk
nicht
allzu
bekannt
ist,
auch
als
Einzelstück
weniger
wert
ist
als
die
acht
Teile
zusammen,
könnte
es
sein,
dass
der
Dieb
es
schnell
loswerden
möchte.
So
sind
bereits
alle
einschlägigen
Händler
von
der
Polizei
verständigt
worden,
weil
man
offenbar davon ausgeht, dass die nächsten Stunden entscheidend sein könnten.
Als
ich
Marzi
erzähle,
wie
nahe
dran
an
dem
Diebstahl
Angelo
wahrscheinlich
war,
wird
er
sehr
nachdenklich.
Ich
weiß,
dass
er
Angelos
Sachkunde
sehr
schätzt
und
uns
als
Familie
nahezu
liebt:
Er
war
schließlich
Angelos
Trauzeuge
und
betrachtet
sich
ebenfalls
als
Luigis
Großvater
ehrenhalber.
Aber
natürlich
weiß
er
mehr
als
fast
jeder
andere
über
Angelos
Fälscher-Vergangenheit,
und
es
mag
durchaus
sein,
dass
er
ihm
nicht in jeder Hinsicht traut.
Wobei
ich
in
diesem
Zusammenhang
jegliches
Misstrauen
gegen
Angelo
ungerecht
finde.
Dass
er
Kunstwerke
‚nachempfunden‘
hat,
lag
daran,
dass
er
es
konnte,
dass
sein
Wissen
und
sein
Talent
so
umfassend
waren,
dass
bis
heute
nicht
ein
enttäuschter
Käufer
aufgetaucht
ist,
soweit
wir
wissen.
Aber
was
Angelo
getan
hat,
ist
etwas
ganz
anderes,
als
in
einem
unbewachten
Moment
ein
Bild
von
der
Wand
zu
nehmen
und
auf
irgendeinem Weg nach draußen zu schmuggeln.
Aber
da
Marzi
nichts
dazu
sagt,
nur
ein
bedenkliches
Gesicht
macht,
habe
ich
auch
keinen
Anlass,
Angelo
in
Schutz
zu
nehmen.
Keiner
beschuldigt
ihn
bisher.
Ich
kann
nur
hoffen,
dass
es
so
bleibt,
dass
er
zwar
als
Zeuge
gehört
wird,
aber
niemand
auf
die
Idee kommt, sich näher mit ihm zu beschäftigen.
Der
Nachmittag
vergeht
wie
immer
im
Handumdrehen.
Obwohl
ich
nur
noch
halbe
Tage
hier
bin,
sind
doch
meine
Aufgaben
in
dem
Maße
gewachsen,
wie
Marzi
mich
eingearbeitet
hat
und
ich
mehr
davon
verstehe,
worauf
es
im
Kunstgeschäft
eigentlich
ankommt.
Wir
haben,
wie
wahrscheinlich
viele
andere
Kunsthändler,
eine
Anfrage
aus
Dubai
bekommen.
Eine
dortige
Firma
baut
wohl
gerade
Luxuswohnungen
für
Menschen,
die
einfach
zu
viel
Geld
haben.
Um
die
absurden
Preise
zu
rechtfertigen,
sollen
diese
Wohnungen
von
Anfang
an
mit
Kunstwerken
ausgestattet
werden,
nach
denen
die
Vertreter der Firma nun in Europa, in Italien und in Venedig suchen.
Die
Anfrage
liest
sich
auf
den
ersten
Blick
verlockend,
aber
auf
den
zweiten
Blick
gibt
es
jede
Menge
Probleme.
Da
sind
einmal
Gesetze,
die
die
Ausfuhr
von
nationalen
kulturellen
Gütern
einschränken,
da
sind
auch
unsere
eigenen
Bedenken,
Werke,
die
den
Geist
und
die
Geschichte
Venedigs
atmen,
wegzugeben,
damit
sie
irgendwo
zu
Zimmerspringbrunnen umgearbeitet werden können.
Marzi
und
ich
hatten
darüber
eine
lange
Diskussion,
wobei
wir
beide
feststellten,
dass
unsere
Bedenken
geringer
wären,
wenn
es
sich
darum
handeln
würde,
ein
Museum,
das
der
Öffentlichkeit
zur
Verfügung
steht,
auszustatten.
Aber
es
geht
tatsächlich
nur
um
Kunstwerke
als
prestigeträchtige
Einrichtungsgegenstände
für
Superreiche,
die
noch
nicht
einmal
planen,
diese
Wohnungen
tatsächlich
zu
bewohnen,
und das macht uns beiden Probleme.
Natürlich
ist
Marzi
zuerst
einmal
Geschäftsmann
und
mag
auch
heimlich
der
Meinung
sein,
dass,
wenn
er
sich
der
Kooperation
verweigerte,
es
genügend
Konkurrenten
gäbe,
die
nicht
seine
Skrupel
haben
würden.
Er
spricht
das
nicht
aus,
aber
ich
weiß,
dass
es
ihn
beschäftigt.
Und
diese
Überlegungen
werden
dadurch
nicht
einfacher,
dass
er
weiß,
dass
es
Kollegen
gibt,
die
für
ein
gutes
Geschäft
auch
sofort
bereit
wären,
die
Ausfuhreinschränkungen
hart
an
der
Grenze
zum
Kriminellen
zu
umgehen.
Wir
haben
uns
darauf
geeignet,
zunächst
einmal
zu
prüfen,
ob
wir
in
dieser
Kooperation
überhaupt
etwas
anzubieten
hätten
und
wo
und
wie
wir
weitere
Objekte
auftreiben
könnten,
die
für
einen
solchen
Handel
in
Frage
kämen.
Daran
zu
arbeiten,
ist
zurzeit
mein
Auftrag
neben
alle
den
Routinearbeiten,
die
mittlerweile
auch
zu
meinem
Job gehören.
Angesichts
der
Liste,
die
ich
bisher
zusammengestellt
habe,
erinnere
ich
mich
wieder
an
den
Diebstahl
in
der
Sant’Alvise.
Könnte
so
etwas
im
Auftrag
geschehen
sein,
weil
es
für
einen
Reichen
in
Dubai
völlig
gleichgültig
wäre,
was
die
Tafel
darstellt
und
dass
sie
Teil
eines
größeren
Ganzen
ist,
solange
nur
das
Format
und
die
Farben
zur
Ausstattung
des
einzurichtenden
Raumes
passen?
Oder
ist
das
nicht
mehr
als
ein
übles
Vorurteil
gegen
Reiche
im
Allgemeinen
und
diese
Reichen
im
Besonderen?
Ich
schäme
mich
ein
bisschen
und
versuche,
mich
wieder
auf
meine
Arbeit
zu
konzentrieren.
Als
ich
abends
nach
Hause
komme,
ist
mein
kleiner
Luigi
schon
satt
und
gebadet
und
wartet
nur
noch
darauf,
seiner
Mutter
einen
Gutenachtkuss
zu
geben
und
seinen
Teddy
mit
ins
Bett
zu
nehmen.
Seit
neustem
steht
der
Teddy,
den
er
schon
zur
Taufe
bekommen
hat,
ganz
hoch
im
Kurs.
Er
ist
der
heimliche
Freund,
bei
dem
er
sich
ausweinen kann, wenn er abends irgendeinen Kummer mit ins Bett nimmt.
Ich
habe
tatsächlich
schon
gehört,
wie
er
leise
auf
sein
Stofftier
einspricht,
in
einer
Geheimsprache,
die
wohl
nur
die
beiden
verstehen.
Ich
finde
es
bemerkenswert,
dass
es
schon
Dinge
gibt,
die
der
Kleine
mit
sich
selbst
ausmacht
und
dass
er
nicht
mehr
mit
allem automatisch zu uns kommt. Ein erster Schritt zur Selbständigkeit? So früh?
Sein
zweiter
Geburtstag
liegt
schon
eine
Weile
zurück.
Laufen
kann
er
schon
seit
langem.
Tatsächlich
schafft
er
körperlich
schon
fast
alles,
hat
aber
noch
kein
Gefühl
dafür,
was
gefährlich
sein
könnte,
weshalb
man
ihn
kaum
aus
den
Augen
lassen
kann.
Auch
da
ist
sein
Wunsch
nach
Selbständigkeit
größer
als
sein
Verständnis
für
Bedrohliches.