© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Kirchenbilder - Leseprobe
Kapitel 1 ‚Während Antonio Balestra als Vertreter eines späten Barocks in dessen gewaltigen, fürstlichen Formen auch Männlichkeit, nämlich seine eigene Männlichkeit, darstellt, gehört die leichtere, elegantere Weiblichkeit von Rosalba Carriera schon vollständig dem sich gerade entwickelnden Rokoko an.‘ In das Ende dieses Satzes, den ich nach reiflicher Überlegung in den Computer tippe, bricht Luigis Gebrüll ein und holt mich abrupt in die Wirklichkeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts zurück. Ich rase ins Kinderzimmer hinüber. Da sitzt der edle Luigi D’Este auf dem Boden und hält in der linken Hand den Körper einer bemalten Holzgiraffe und in der rechten Hand den abgebrochenen Hals mit dem kleinen Giraffenkopf obendrauf. Er brüllt, nicht aus Schmerz oder Kummer, sondern aus Wut, dass die Giraffe ihm schließlich doch nachgegeben hat, weil ihren Hals abzubrechen schon seit Tagen sein Ziel war und sie ihm bisher tapfer Widerstand geleistet hat. Ich hocke mich dazu und nehme ihm vorsichtig die beiden Teile Giraffe aus den Händen, um zu untersuchen, ob da noch etwas zu machen ist. Es will mir scheinen, dass die Giraffe vielleicht geheilt werden kann, aber dann vielleicht keine Giraffe mehr ist, sondern höchstens ein etwas seltsames Okapi. Luigi hat sich schon deshalb beruhigt, weil ich aufgetaucht bin und sofort begriffen habe, was der Anlass für seinen Wutausbruch war. Nun mustert er mich interessiert, als ob er darauf wartet, wie ich wohl reagieren werde. Mein kleiner Sohn erstaunt mich immer wieder. Ich frage mich oft, wessen Charakter er eigentlich geerbt hat. Ich rege mich eigentlich selten auf. Ich bin sogar ziemlich vernünftig, wenn ich das von mir selbst behaupten darf. Eben immer noch recht kühl und deutsch. Sein italienischer Vater kann sehr leidenschaftlich werden und ich bin dankbar dafür, aber selten sind seine Ausbrüche wuterfüllt oder destruktiv. Eher folgt auf einen seiner seltenen Wutausbrüche schnell ein verlegenes Lachen, weil er selbst merkt, dass er gerade übers Ziel hinausgeschossen ist. Dieser unser Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, die ihn beide grenzenlos lieben und auf jede seiner Regungen zu reagieren bereit sind, hat explosive Wutausbrüche, wenn sich die Welt nicht seinen Wünschen beugt. Und er gerät in dieselbe Wut, wenn etwas seinen Anstrengungen nachgibt, obwohl man ihm vorausgesagt hat, das könnte niemals geschehen. Signora D’Este versucht mich damit zu beruhigen, dass es eine ganz normale Phase in der Entwicklung kleiner Jungen wäre: Die Welt zu entdecken bedeutete, erst einmal alles auseinanderzunehmen, um zu erfahren, was dahintersteckt, aber auch, ob das Kaputtmachen schlimme Konsequenzen haben könnte. Dieses Erfahren der eigenen Grenzen und die Verzweiflung darüber, nicht allmächtig zu sein, gehöre zum Aufwachsen dazu. Nun hat Signora D’Este selbst zwar nie Kinder gehabt, dafür ist sie mit zwei Brüdern aufgewachsen, und deshalb versuche ich, ihr erst einmal zu glauben und abzuwarten. „Da wirst du wohl deinen Vater oder deinen Großvater bitten müssen, dir eine neue Giraffe zu schnitzen!“, versuche ich es mit einem leicht vorwurfsvollen Ton. Luigi schaut mich mit seinen großen, staunenden Kinderaugen an, schiebt die Unterlippe ein bisschen vor und denkt sichtbar nach. Will er die Giraffe ersetzt haben, obwohl sie ihn enttäuscht hat? Dann verkündet er: „Will keine Graffe. Will Löwe!“ Ein neues Wort! Er hat viele Worte dadurch gelernt, dass Angelo oder sein Vater ihm Häuser, Bäume, Tiere oder Wagen geschnitzt haben. Wenn er es sich wünschen kann, wenn er ein Wort dafür hat, dann bemühen sich diese beiden Zauberer, ihm seinen Wunsch auch zu erfüllen. So sind sie für die Substantive zuständig, ich dagegen eher für die Verben: ‚Will‘ und ‚Will nicht‘ stehen im Moment hoch im Kurs. Warum nicht ein Löwe? Der hätte wenigstens keinen langen Hals, und wenn ich Angelo davon überzeugen könnte, ihm einen liegenden Löwen mit elegant angelegtem Schwanz zu schnitzen, dann gäbe es auch keine Beine und keinen Schwanz, an denen der junge Herr seine Kraft erproben könnte. Während er sich ein anderes Spielzeug holt, bleibe ich auf dem Boden sitzen und bestaune das Wunder, das ich da zur Welt gebracht habe. Obwohl wir zunächst doch völlig planlos ineinander gestolpert sind, haben wir schließlich doch eine ganz konventionelle Reihenfolge eingehalten. Kennengelernt haben wir uns, als Angelo in eine schlimme Angelegenheit verwickelt war und ich mich - so arm wie eine Kirchenmaus - gerade einmal in Venedig, der Stadt meiner Träume, am Leben erhalten konnte. Verliebt haben wir uns, während Angelo ein heimliches zweites Leben weitergeführt hat, das zu dieser Zeit vielleicht sogar sein erstes Leben war. Getrennt haben wir uns, als das Alles in die Luft flog. Und wiedergefunden haben wir uns, weil es irgendwie gar nicht anders ging. Und weil in Venedig wieder einmal Schnee lag. Geheiratet haben wir bereits drei Monate nach einem nie erfolgten Heiratsantrag, weil der verrückte Bräutigam es damals völlig unnötig fand, noch länger zu warten. Es war übrigens eine wundervolle Hochzeit, bei der wir uns vor einer erstaunlichen Anzahl von Angehörigen und Freunden gegenseitig das Versprechen gaben, auch in Zukunft für jedes Problem gemeinsam irgendeine Lösung zu finden. Mein Chef, Signor Marzi, Besitzer der gleichnamigen Kunsthandlung auf dem Campo Sant ‘Azolo, war Angelos Trauzeuge. Er hatte eine rosa Rose im Knopfloch, die er mir viele Stunden später verehrte, was einer kleinen Liebeserklärung gleichkam. Aber das lag sicher daran, dass er in mir schon immer die Tochter sieht, die er nie gehabt hat, und natürlich lag es auch an ein bisschen zu viel Champagner. Unsere Freundin und Vermieterin, Signora D’Este, die eigentlich eine Baroness ist, kam zwar auf Krücken, amüsierte sich aber so gut, dass sie zu vorgerückter Stunde sogar mit Angelos Vater ein Tänzchen wagte. Schließlich sei man ja verwandt, erklärte sie, da können man sich schon einmal auf die Zehen treten. Im Übrigen tanzten die zwei sehr graziös, was sich an diesem Abend nicht über alle sagen ließ. Meine eigenen Eltern, die nie ganz verstanden hatten, warum ich ausgerechnet in Venedig leben wollte und mich nun sogar dahin verheiratete, tanzten ebenfalls, ohne damit übel aufzufallen und sangen zu vorgerückter Stunde aus voller Kehle italienische Lieder mit. Als wir schließlich glücklich verheiratet waren und uns in unserer neuen Wohnung schon so gut auskannten, dass wir den Weg in die Küche auch im Dunklen fanden, stellte Angelo eines Nachts fest, dass sich der Inhalt unseres Kühlschranks seltsam verändert hätte. Und kurz darauf bestätigte ein Schwangerschaftstest seinen Verdacht und seine Hoffnung. Da wurde er plötzlich jeder Zoll ein Nobile D’Este, der für den Erhalt der Familie Söhne gezeugt haben wollte, und als dann unser Luigi auf die Welt kam, gab es keinen glücklicheren und stolzeren Vater, außer natürlich dem Großvater, der schon beim ersten Besuch einen wunderbaren Baukasten für den Enkel mitbrachte, in dem jedes Stück Holz etwas Besonderes hatte und etwas Besonderes darstellte. Luigi hat sich nun einige dieser Heiligtümer geholt und beginnt einen Turm zu bauen. Ich weiß, dass dieser Turm entweder von selbst umfällt oder schließlich von seinem Erbauer zerstört werden wird, aber Tag für Tag wird der Turm ein bisschen höher, liegen die Bausteine ein bisschen sicherer aufeinander, ist das Gleichgewicht länger stabil. Luigi lernt und ich schaue ihm dabei zu. Er hat mein Gesicht, aber Angelos Augen. Seltsamerweise sind seine Haare ganz hell, aber ich habe mir sagen lassen, dass das in seiner Familie häufig so wäre: blond geboren, aber als Erwachsene außerordentlich dunkel. Wenn er so weitermacht, wird er verdammt hübsch werden und ich kann nur hoffen, dass er sich niemals etwas darauf einbilden wird. Er soll sich auch da seinen Vater als Vorbild nehmen, der ein gesundes Selbstbewusstsein bezüglich seiner Fähigkeiten mit einer ruhigen Bescheidenheit, was seine Person betrifft, verbindet. Es klappert im Flur. Angelo ist aus der Kirche zurück. Nachdem seine ‚Beschäftigung‘ als Fälscher von Renaissancekunst ihr Ende fand, hat er in wenigen Jahren eine erstaunliche Karriere zum Restaurateur von Kunstwerken derselben Epoche gemacht. Natürlich hat ihn Marzi am Anfang unterstützt und ihn mit den richtigen Leuten zusammengebracht, aber Angelo ist das, was er immer zu sein behauptete, nämlich ein ausgezeichneter Handwerker und Kenner der Materie, und mittlerweile kann er sich seine Aufträge aussuchen und verdient damit nicht schlecht. Im Moment arbeitet er an drei Tiepolos, die im Altarraum der Kirche Sant’Alvise im Sestiere Cannaregio hängen. Im Grunde geht es nur darum, den Staub der letzten hundert Jahre zu beseitigen, aber die Bilder sind so wertvoll, dass die Arbeit behutsam und sachkundig durchgeführt werden muss. Dass er gerade in dieser Kirche arbeitet, amüsiert mich heimlich, denn in der Zeit, in der wir getrennt waren und ich unsere Trennung für endgültig halten musste, hatte ich dort einen anderen Maler kennengelernt, der sich allerdings schnell als ungenügender Angelo-Ersatz herausgestellt hatte. Davon weiß Angelo nichts, aber dass ich mich in dieser Kirche auskenne, das weiß er. Seit Luigis Geburt arbeite ich nur noch halbtags für Marzi. Unsere häusliche Regelung ist zurzeit, dass Angelo sich früh morgens auf den Weg zur Sant’Alvise macht, damit er mittags rechtzeitig zurück ist, um seinen Sohn zu übernehmen. Dann eile ich zu Marzi, um dort bis in den Abend hinein zu arbeiten. An den Dienstagen, an denen ich während des Schuljahres immer noch Sprachen bei den ‚Englischen Fräulein‘ unterrichte, besucht Luigi in den Morgenstunden unsere liebe Signora D’Este einen Stock über uns, die für ihn eine zusätzliche Großmutter ist. Ich habe unsere Freundin sogar schon dabei ertappt, dass sie sich für ihren kleinen Liebling auf dem Boden niederlässt, obwohl sie ganz genau weiß, dass sie nur unter Schmerzen wieder aufstehen kann. Für ihn ist sie seine eigentliche ‚Nonna‘. Sie sieht er ständig, während die tatsächlichen Großmütter nur ab und zu besucht werden oder zu Besuch kommen. Seltsamerweise benimmt sich Luigi bei ihr wie ein kleiner Kavalier, ist höflich, geht ihr zur Hand und würde sich vor ihr niemals einen solchen Wutausbruch leisten, wie er ihn eben gerade abgeliefert hat. Auch darin gleicht er seinem Vater, der noch ein bisschen charmanter wird, wenn er mit unserer Vermieterin zusammentrifft. In der Zeit, in der ich nicht für Marzi arbeite, bei den ‚Englischen Fräulein‘ unterrichte, Angelo und Luigi liebevoll umsorge, mich um unsere Signora D’Este kümmere, esse oder schlafe, arbeite ich jetzt ernsthaft an meiner Doktorarbeit. Ich nenne sie ‚Eine Betrachtung über den künstlerischen Übergang vom Lehrer Antonio Balestra zur Schülerin Rosalba Carriera‘ und hoffe, damit Angelo nicht allzu sehr in die Quere zu kommen, dessen Spezialität eher die Venezianische Renaissance ist. Angelo ist also zurück, aber er kommt nicht rein und er ruft auch nicht nach uns, wie er es sonst immer tut. Etwas muss passiert sein, denn es ist ihm doch immer wichtig, mich zu küssen und seinen Sohn herumzuwirbeln, wenn er ein paar Stunden von uns getrennt war. Das verheißt nichts Gutes. Ich suche und finde ihn in der Küche. Er sitzt am Küchentisch, als müsse er sich von etwas erholen. Für einen Augenblick fürchte ich, er könnte krank sein oder sich verletzt haben. Aber als er sich zu mir umdreht und ein Lächeln versucht, scheint er körperlich in Ordnung zu sein. Sein Gesichtsausdruck ist jedoch so bekümmert, dass es mir fast weh tut. „Was ist passiert?“, frage ich, „Kann ich was für dich tun?“ Sein Lächeln wird ein bisschen echter. Er streckt mir eine Hand entgegen und zieht mich an sich. „Mir ist nichts passiert. Keine Angst!“, erklärt er, „Ich bin nur ein bisschen geschafft, weil aus der Sant’Alvise ein Bild gestohlen wurde. Eine der acht Kassetten von Lazzaro Bastiano. Biblische Szenen. Wahrscheinlich, während die Kirche für Publikum geöffnet war und ich im Chorraum gearbeitet habe. Die Kassiererin hat ausgesagt, dass nur wenige Leute die Kirche überhaupt betreten hätten und keiner etwas herausgetragen hätte. Die, die noch in der Kirche waren, sind alle durchsucht worden. Ich auch. Die Untersuchung war noch nicht abgeschlossen, als ich gegangen bin. Aber ich habe ihnen erklärt, warum ich nach Hause muss und sie haben mich erst mal gehen lassen. Sie haben sich natürlich meine Adresse geben lassen und sie haben sogar angeordnet, dass ich die Stadt nicht verlassen darf, ohne vorher Bescheid zu geben.“ „Glaubst du, sie verdächtigen dich?“ Ich nehme sein Gesicht in meine Hände, küsse ihn erst einmal und hoffe, dass ihn das ein bisschen glücklicher macht. Er drückt mich an sich, dann lässt er mich los und fragt: „Kaffee?“. Als ich gerade die Maschine anwerfe, kommt von der Tür eine helle, aber kräftige Stimme: „Will auch zu Papa!“ Angelo steht auf, hebt seinen kleinen Sohn hoch und setzt sich dann wieder, mit ihm auf dem Schoß. „Papa! Graffe kaputt! Will keine mehr, will Löwe!“ Endlich lacht sein Vater wieder. Und schüttelt den kleinen Übeltäter, der sich aber keinerlei Schuld bewusst ist. „So lange habe ich an dem Tier gearbeitet! Du kleiner Berserker! Kann man es wieder kleben?“, fragt er mich. „Man könnte es vielleicht zu einem anderen Tier umarbeiten. Der Hals ist wohl gesplittert. Den kann man nicht einfach wieder zusammenkleben.“ Nun ist die Strafpredigt für den Sohn dran: „Du musst lernen, dass die Quelle für neues Spielzeug nicht unerschöpflich ist!“, erklärt ihm sein Vater streng. „Nächste Woche schnitze ich dir einen Löwen. Diese Woche habe ich keine Zeit dafür.“ Wieder schiebt sich die kleine Unterlippe vor. Aber ein ironischer Blick des Vaters genügt, um den nächsten Sturm im Keim zu ersticken. Wieso versteht der Kleine schon Vaters Ironie, während ich jeden Wutausbruch in voller Länge durchleiden muss? Aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Wichtiger ist, noch schnell meinen Kaffee zu trinken, die offenen Dateien abzuspeichern, den Computer herunterzufahren, mich in meine Dienstkleidung zu werfen und meine Beine unter den Arm zu nehmen, um rechtzeitig bei Marzi einzutreffen. Darüber vergesse ich auch erst einmal, was Angelo mir gerade erzählt hat, aber als ich bei Marzi eintreffe, hat mich die Neuigkeit bereits überholt. Da das gestohlene Kunstwerk nicht allzu bekannt ist, auch als Einzelstück weniger wert ist als die acht Teile zusammen, könnte es sein, dass der Dieb es schnell loswerden möchte. So sind bereits alle einschlägigen Händler von der Polizei verständigt worden, weil man offenbar davon ausgeht, dass die nächsten Stunden entscheidend sein könnten. Als ich Marzi erzähle, wie nahe dran an dem Diebstahl Angelo wahrscheinlich war, wird er sehr nachdenklich. Ich weiß, dass er Angelos Sachkunde sehr schätzt und uns als Familie nahezu liebt: Er war schließlich Angelos Trauzeuge und betrachtet sich ebenfalls als Luigis Großvater ehrenhalber. Aber natürlich weiß er mehr als fast jeder andere über Angelos Fälscher-Vergangenheit, und es mag durchaus sein, dass er ihm nicht in jeder Hinsicht traut. Wobei ich in diesem Zusammenhang jegliches Misstrauen gegen Angelo ungerecht finde. Dass er Kunstwerke ‚nachempfunden‘ hat, lag daran, dass er es konnte, dass sein Wissen und sein Talent so umfassend waren, dass bis heute nicht ein enttäuschter Käufer aufgetaucht ist, soweit wir wissen. Aber was Angelo getan hat, ist etwas ganz anderes, als in einem unbewachten Moment ein Bild von der Wand zu nehmen und auf irgendeinem Weg nach draußen zu schmuggeln. Aber da Marzi nichts dazu sagt, nur ein bedenkliches Gesicht macht, habe ich auch keinen Anlass, Angelo in Schutz zu nehmen. Keiner beschuldigt ihn bisher. Ich kann nur hoffen, dass es so bleibt, dass er zwar als Zeuge gehört wird, aber niemand auf die Idee kommt, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Der Nachmittag vergeht wie immer im Handumdrehen. Obwohl ich nur noch halbe Tage hier bin, sind doch meine Aufgaben in dem Maße gewachsen, wie Marzi mich eingearbeitet hat und ich mehr davon verstehe, worauf es im Kunstgeschäft eigentlich ankommt. Wir haben, wie wahrscheinlich viele andere Kunsthändler, eine Anfrage aus Dubai bekommen. Eine dortige Firma baut wohl gerade Luxuswohnungen für Menschen, die einfach zu viel Geld haben. Um die absurden Preise zu rechtfertigen, sollen diese Wohnungen von Anfang an mit Kunstwerken ausgestattet werden, nach denen die Vertreter der Firma nun in Europa, in Italien und in Venedig suchen. Die Anfrage liest sich auf den ersten Blick verlockend, aber auf den zweiten Blick gibt es jede Menge Probleme. Da sind einmal Gesetze, die die Ausfuhr von nationalen kulturellen Gütern einschränken, da sind auch unsere eigenen Bedenken, Werke, die den Geist und die Geschichte Venedigs atmen, wegzugeben, damit sie irgendwo zu Zimmerspringbrunnen umgearbeitet werden können. Marzi und ich hatten darüber eine lange Diskussion, wobei wir beide feststellten, dass unsere Bedenken geringer wären, wenn es sich darum handeln würde, ein Museum, das der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, auszustatten. Aber es geht tatsächlich nur um Kunstwerke als prestigeträchtige Einrichtungsgegenstände für Superreiche, die noch nicht einmal planen, diese Wohnungen tatsächlich zu bewohnen, und das macht uns beiden Probleme. Natürlich ist Marzi zuerst einmal Geschäftsmann und mag auch heimlich der Meinung sein, dass, wenn er sich der Kooperation verweigerte, es genügend Konkurrenten gäbe, die nicht seine Skrupel haben würden. Er spricht das nicht aus, aber ich weiß, dass es ihn beschäftigt. Und diese Überlegungen werden dadurch nicht einfacher, dass er weiß, dass es Kollegen gibt, die für ein gutes Geschäft auch sofort bereit wären, die Ausfuhreinschränkungen hart an der Grenze zum Kriminellen zu umgehen. Wir haben uns darauf geeignet, zunächst einmal zu prüfen, ob wir in dieser Kooperation überhaupt etwas anzubieten hätten und wo und wie wir weitere Objekte auftreiben könnten, die für einen solchen Handel in Frage kämen. Daran zu arbeiten, ist zurzeit mein Auftrag neben alle den Routinearbeiten, die mittlerweile auch zu meinem Job gehören. Angesichts der Liste, die ich bisher zusammengestellt habe, erinnere ich mich wieder an den Diebstahl in der Sant’Alvise. Könnte so etwas im Auftrag geschehen sein, weil es für einen Reichen in Dubai völlig gleichgültig wäre, was die Tafel darstellt und dass sie Teil eines größeren Ganzen ist, solange nur das Format und die Farben zur Ausstattung des einzurichtenden Raumes passen? Oder ist das nicht mehr als ein übles Vorurteil gegen Reiche im Allgemeinen und diese Reichen im Besonderen? Ich schäme mich ein bisschen und versuche, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Als ich abends nach Hause komme, ist mein kleiner Luigi schon satt und gebadet und wartet nur noch darauf, seiner Mutter einen Gutenachtkuss zu geben und seinen Teddy mit ins Bett zu nehmen. Seit neustem steht der Teddy, den er schon zur Taufe bekommen hat, ganz hoch im Kurs. Er ist der heimliche Freund, bei dem er sich ausweinen kann, wenn er abends irgendeinen Kummer mit ins Bett nimmt. Ich habe tatsächlich schon gehört, wie er leise auf sein Stofftier einspricht, in einer Geheimsprache, die wohl nur die beiden verstehen. Ich finde es bemerkenswert, dass es schon Dinge gibt, die der Kleine mit sich selbst ausmacht und dass er nicht mehr mit allem automatisch zu uns kommt. Ein erster Schritt zur Selbständigkeit? So früh? Sein zweiter Geburtstag liegt schon eine Weile zurück. Laufen kann er schon seit langem. Tatsächlich schafft er körperlich schon fast alles, hat aber noch kein Gefühl dafür, was gefährlich sein könnte, weshalb man ihn kaum aus den Augen lassen kann. Auch da ist sein Wunsch nach Selbständigkeit größer als sein Verständnis für Bedrohliches.
© Renate Dietrich
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Kapitel 1 ‚Während Antonio Balestra als Vertreter eines späten Barocks in dessen gewaltigen, fürstlichen Formen auch Männlichkeit, nämlich seine eigene Männlichkeit, darstellt, gehört die leichtere, elegantere Weiblichkeit von Rosalba Carriera schon vollständig dem sich gerade entwickelnden Rokoko an.‘ In das Ende dieses Satzes, den ich nach reiflicher Über- legung in den Computer tippe, bricht Luigis Gebrüll ein und holt mich abrupt in die Wirklichkeit des einund- zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Ich rase ins Kinderzimmer hinüber. Da sitzt der edle Luigi D’Este auf dem Boden und hält in der linken Hand den Körper einer bemalten Holzgiraffe und in der rechten Hand den abgebrochenen Hals mit dem kleinen Giraffenkopf obendrauf. Er brüllt, nicht aus Schmerz oder Kummer, sondern aus Wut, dass die Giraffe ihm schließlich doch nachgegeben hat, weil ihren Hals abzubrechen schon seit Tagen sein Ziel war und sie ihm bisher tapfer Widerstand geleistet hat. Ich hocke mich dazu und nehme ihm vorsichtig die beiden Teile Giraffe aus den Händen, um zu unter- suchen, ob da noch etwas zu machen ist. Es will mir scheinen, dass die Giraffe vielleicht geheilt werden kann, aber dann vielleicht keine Giraffe mehr ist, sondern höchstens ein etwas seltsames Okapi. Luigi hat sich schon deshalb beruhigt, weil ich auf- getaucht bin und sofort begriffen habe, was der Anlass für seinen Wutausbruch war. Nun mustert er mich interessiert, als ob er darauf wartet, wie ich wohl rea- gieren werde. Mein kleiner Sohn erstaunt mich immer wieder. Ich frage mich oft, wessen Charakter er eigentlich geerbt hat. Ich rege mich eigentlich selten auf. Ich bin sogar ziemlich vernünftig, wenn ich das von mir selbst behaupten darf. Eben immer noch recht kühl und deutsch. Sein italienischer Vater kann sehr leidenschaftlich werden und ich bin dankbar dafür, aber selten sind seine Ausbrüche wuterfüllt oder destruktiv. Eher folgt auf einen seiner seltenen Wutausbrüche schnell ein verlegenes Lachen, weil er selbst merkt, dass er gerade übers Ziel hinausgeschossen ist. Dieser unser Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, die ihn beide grenzenlos lie- ben und auf jede seiner Regungen zu reagieren bereit sind, hat explosive Wutausbrüche, wenn sich die Welt nicht seinen Wünschen beugt. Und er gerät in dieselbe Wut, wenn etwas seinen Anstrengungen nachgibt, obwohl man ihm vorausgesagt hat, das könnte niemals geschehen. Signora D’Este versucht mich damit zu beruhigen, dass es eine ganz normale Phase in der Entwicklung kleiner Jungen wäre: Die Welt zu entdecken bedeu- tete, erst einmal alles auseinanderzunehmen, um zu erfahren, was dahintersteckt, aber auch, ob das Kaputtmachen schlimme Konsequenzen haben könnte. Dieses Erfahren der eigenen Grenzen und die Verzweiflung darüber, nicht allmächtig zu sein, gehöre zum Aufwachsen dazu. Nun hat Signora D’Este selbst zwar nie Kinder gehabt, dafür ist sie mit zwei Brüdern aufgewachsen, und deshalb versuche ich, ihr erst einmal zu glauben und abzuwarten. „Da wirst du wohl deinen Vater oder deinen Großvater bitten müssen, dir eine neue Giraffe zu schnitzen!“, versuche ich es mit einem leicht vorwurfs- vollen Ton. Luigi schaut mich mit seinen großen, staunenden Kinderaugen an, schiebt die Unterlippe ein bisschen vor und denkt sichtbar nach. Will er die Giraffe ersetzt haben, obwohl sie ihn enttäuscht hat? Dann verkündet er: „Will keine Graffe. Will Löwe!“ Ein neues Wort! Er hat viele Worte dadurch gelernt, dass Angelo oder sein Vater ihm Häuser, Bäume, Tiere oder Wagen geschnitzt haben. Wenn er es sich wünschen kann, wenn er ein Wort dafür hat, dann bemühen sich diese beiden Zauberer, ihm seinen Wunsch auch zu erfüllen. So sind sie für die Sub- stantive zuständig, ich dagegen eher für die Verben: ‚Will‘ und ‚Will nicht‘ stehen im Moment hoch im Kurs. Warum nicht ein Löwe? Der hätte wenigstens keinen langen Hals, und wenn ich Angelo davon überzeugen könnte, ihm einen liegenden Löwen mit elegant angelegtem Schwanz zu schnitzen, dann gäbe es auch keine Beine und keinen Schwanz, an denen der junge Herr seine Kraft erproben könnte. Während er sich ein anderes Spielzeug holt, bleibe ich auf dem Boden sitzen und bestaune das Wunder, das ich da zur Welt gebracht habe. Obwohl wir zunächst doch völlig planlos ineinander gestolpert sind, haben wir schließlich doch eine ganz konventionelle Reihenfolge eingehalten. Kennengelernt haben wir uns, als Angelo in eine schlimme Angelegenheit verwickelt war und ich mich - so arm wie eine Kirchenmaus - gerade einmal in Venedig, der Stadt meiner Träume, am Leben erhalten konnte. Verliebt haben wir uns, während Angelo ein heimliches zweites Leben weitergeführt hat, das zu dieser Zeit vielleicht sogar sein erstes Leben war. Getrennt haben wir uns, als das Alles in die Luft flog. Und wiedergefunden haben wir uns, weil es irgendwie gar nicht anders ging. Und weil in Venedig wieder einmal Schnee lag. Geheiratet haben wir bereits drei Monate nach einem nie erfolgten Heiratsantrag, weil der verrückte Bräutigam es damals völlig unnötig fand, noch länger zu warten. Es war übrigens eine wundervolle Hochzeit, bei der wir uns vor einer erstaunlichen Anzahl von Angehö- rigen und Freunden gegenseitig das Versprechen gaben, auch in Zukunft für jedes Problem gemeinsam irgendeine Lösung zu finden. Mein Chef, Signor Marzi, Besitzer der gleichna- migen Kunsthandlung auf dem Campo Sant ‘Azolo, war Angelos Trauzeuge. Er hatte eine rosa Rose im Knopfloch, die er mir viele Stunden später verehrte, was einer kleinen Liebeserklärung gleichkam. Aber das lag sicher daran, dass er in mir schon immer die Tochter sieht, die er nie gehabt hat, und natürlich lag es auch an ein bisschen zu viel Champagner. Unsere Freundin und Vermieterin, Signora D’Este, die eigentlich eine Baroness ist, kam zwar auf Krücken, amüsierte sich aber so gut, dass sie zu vorgerückter Stunde sogar mit Angelos Vater ein Tänzchen wagte. Schließlich sei man ja verwandt, erklärte sie, da können man sich schon einmal auf die Zehen treten. Im Übrigen tanzten die zwei sehr graziös, was sich an diesem Abend nicht über alle sagen ließ. Meine eigenen Eltern, die nie ganz verstanden hatten, warum ich ausgerechnet in Venedig leben wollte und mich nun sogar dahin verheiratete, tanzten ebenfalls, ohne damit übel aufzufallen und sangen zu vorgerückter Stunde aus voller Kehle italienische Lieder mit. Als wir schließlich glücklich verheiratet waren und uns in unserer neuen Wohnung schon so gut auskannten, dass wir den Weg in die Küche auch im Dunklen fanden, stellte Angelo eines Nachts fest, dass sich der Inhalt unseres Kühlschranks seltsam verändert hätte. Und kurz darauf bestätigte ein Schwangerschaftstest seinen Verdacht und seine Hoffnung. Da wurde er plötzlich jeder Zoll ein Nobile D’Este, der für den Erhalt der Familie Söhne gezeugt haben wollte, und als dann unser Luigi auf die Welt kam, gab es keinen glücklicheren und stolzeren Vater, außer natürlich dem Großvater, der schon beim ersten Besuch einen wunderbaren Baukasten für den Enkel mitbrachte, in dem jedes Stück Holz etwas Beson- deres hatte und etwas Besonderes darstellte. Luigi hat sich nun einige dieser Heiligtümer geholt und beginnt einen Turm zu bauen. Ich weiß, dass dieser Turm entweder von selbst umfällt oder schließlich von seinem Erbauer zerstört werden wird, aber Tag für Tag wird der Turm ein bisschen höher, liegen die Bausteine ein bisschen sicherer aufein- ander, ist das Gleichgewicht länger stabil. Luigi lernt und ich schaue ihm dabei zu. Er hat mein Gesicht, aber Angelos Augen. Seltsamerweise sind seine Haare ganz hell, aber ich habe mir sagen lassen, dass das in seiner Familie häufig so wäre: blond geboren, aber als Erwachsene außerordentlich dunkel. Wenn er so weitermacht, wird er verdammt hübsch werden und ich kann nur hoffen, dass er sich niemals etwas darauf einbilden wird. Er soll sich auch da seinen Vater als Vorbild nehmen, der ein gesundes Selbstbewusstsein bezüg- lich seiner Fähigkeiten mit einer ruhigen Bescheiden- heit, was seine Person betrifft, verbindet. Es klappert im Flur. Angelo ist aus der Kirche zurück. Nachdem seine ‚Beschäftigung‘ als Fälscher von Renaissancekunst ihr Ende fand, hat er in weni- gen Jahren eine erstaunliche Karriere zum Restaura- teur von Kunstwerken derselben Epoche gemacht. Natürlich hat ihn Marzi am Anfang unterstützt und ihn mit den richtigen Leuten zusammengebracht, aber Angelo ist das, was er immer zu sein behauptete, nämlich ein ausgezeichneter Handwerker und Kenner der Materie, und mittlerweile kann er sich seine Aufträge aussuchen und verdient damit nicht schlecht. Im Moment arbeitet er an drei Tiepolos, die im Altarraum der Kirche Sant’Alvise im Sestiere Cannaregio hängen. Im Grunde geht es nur darum, den Staub der letzten hundert Jahre zu beseitigen, aber die Bilder sind so wertvoll, dass die Arbeit behutsam und sachkundig durchgeführt werden muss. Dass er gerade in dieser Kirche arbeitet, amüsiert mich heimlich, denn in der Zeit, in der wir getrennt waren und ich unsere Trennung für endgültig halten musste, hatte ich dort einen anderen Maler kennen- gelernt, der sich allerdings schnell als ungenügender Angelo-Ersatz herausgestellt hatte. Davon weiß Angelo nichts, aber dass ich mich in dieser Kirche auskenne, das weiß er. Seit Luigis Geburt arbeite ich nur noch halbtags für Marzi. Unsere häusliche Regelung ist zurzeit, dass Angelo sich früh morgens auf den Weg zur Sant’Alvise macht, damit er mittags rechtzeitig zurück ist, um seinen Sohn zu übernehmen. Dann eile ich zu Marzi, um dort bis in den Abend hinein zu arbeiten. An den Dienstagen, an denen ich während des Schuljahres immer noch Sprachen bei den ‚Englischen Fräulein‘ unterrichte, besucht Luigi in den Morgen- stunden unsere liebe Signora D’Este einen Stock über uns, die für ihn eine zusätzliche Großmutter ist. Ich habe unsere Freundin sogar schon dabei ertappt, dass sie sich für ihren kleinen Liebling auf dem Boden niederlässt, obwohl sie ganz genau weiß, dass sie nur unter Schmerzen wieder aufstehen kann. Für ihn ist sie seine eigentliche ‚Nonna‘. Sie sieht er ständig, während die tatsächlichen Großmütter nur ab und zu besucht werden oder zu Besuch kommen. Seltsamerweise benimmt sich Luigi bei ihr wie ein kleiner Kavalier, ist höflich, geht ihr zur Hand und würde sich vor ihr niemals einen solchen Wutausbruch leisten, wie er ihn eben gerade abgeliefert hat. Auch darin gleicht er seinem Vater, der noch ein bisschen charmanter wird, wenn er mit unserer Vermieterin zusammentrifft. In der Zeit, in der ich nicht für Marzi arbeite, bei den ‚Englischen Fräulein‘ unterrichte, Angelo und Luigi liebevoll umsorge, mich um unsere Signora D’Este kümmere, esse oder schlafe, arbeite ich jetzt ernsthaft an meiner Doktorarbeit. Ich nenne sie ‚Eine Betrach- tung über den künstlerischen Übergang vom Lehrer Antonio Balestra zur Schülerin Rosalba Carriera‘ und hoffe, damit Angelo nicht allzu sehr in die Quere zu kommen, dessen Spezialität eher die Venezianische Renaissance ist. Angelo ist also zurück, aber er kommt nicht rein und er ruft auch nicht nach uns, wie er es sonst immer tut. Etwas muss passiert sein, denn es ist ihm doch immer wichtig, mich zu küssen und seinen Sohn herumzu- wirbeln, wenn er ein paar Stunden von uns getrennt war. Das verheißt nichts Gutes. Ich suche und finde ihn in der Küche. Er sitzt am Küchentisch, als müsse er sich von etwas erholen. Für einen Augenblick fürchte ich, er könnte krank sein oder sich verletzt haben. Aber als er sich zu mir umdreht und ein Lächeln versucht, scheint er körperlich in Ordnung zu sein. Sein Gesichtsausdruck ist jedoch so bekümmert, dass es mir fast weh tut. „Was ist passiert?“, frage ich, „Kann ich was für dich tun?“ Sein Lächeln wird ein bisschen echter. Er streckt mir eine Hand entgegen und zieht mich an sich. „Mir ist nichts passiert. Keine Angst!“, erklärt er, „Ich bin nur ein bisschen geschafft, weil aus der Sant’Alvise ein Bild gestohlen wurde. Eine der acht Kassetten von Lazzaro Bastiano. Biblische Szenen. Wahrscheinlich, während die Kirche für Publikum geöffnet war und ich im Chorraum gearbeitet habe. Die Kassiererin hat ausgesagt, dass nur wenige Leute die Kirche überhaupt betreten hätten und keiner etwas herausgetragen hätte. Die, die noch in der Kirche waren, sind alle durchsucht worden. Ich auch. Die Untersuchung war noch nicht abgeschlossen, als ich gegangen bin. Aber ich habe ihnen erklärt, warum ich nach Hause muss und sie haben mich erst mal gehen lassen. Sie haben sich natürlich meine Adresse geben lassen und sie haben sogar angeordnet, dass ich die Stadt nicht verlassen darf, ohne vorher Bescheid zu geben.“ „Glaubst du, sie verdächtigen dich?“ Ich nehme sein Gesicht in meine Hände, küsse ihn erst einmal und hoffe, dass ihn das ein bisschen glücklicher macht. Er drückt mich an sich, dann lässt er mich los und fragt: „Kaffee?“. Als ich gerade die Maschine anwerfe, kommt von der Tür eine helle, aber kräftige Stimme: „Will auch zu Papa!“ Angelo steht auf, hebt seinen kleinen Sohn hoch und setzt sich dann wieder, mit ihm auf dem Schoß. „Papa! Graffe kaputt! Will keine mehr, will Löwe!“ Endlich lacht sein Vater wieder. Und schüttelt den kleinen Übeltäter, der sich aber keinerlei Schuld bewusst ist. „So lange habe ich an dem Tier gear- beitet! Du kleiner Berserker! Kann man es wieder kleben?“, fragt er mich. „Man könnte es vielleicht zu einem anderen Tier umarbeiten. Der Hals ist wohl gesplittert. Den kann man nicht einfach wieder zusammenkleben.“ Nun ist die Strafpredigt für den Sohn dran: „Du musst lernen, dass die Quelle für neues Spielzeug nicht unerschöpflich ist!“, erklärt ihm sein Vater streng. „Nächste Woche schnitze ich dir einen Löwen. Diese Woche habe ich keine Zeit dafür.“ Wieder schiebt sich die kleine Unterlippe vor. Aber ein ironischer Blick des Vaters genügt, um den nächsten Sturm im Keim zu ersticken. Wieso versteht der Kleine schon Vaters Ironie, während ich jeden Wutausbruch in voller Länge durchleiden muss? Aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Wichtiger ist, noch schnell meinen Kaffee zu trinken, die offenen Dateien abzuspeichern, den Computer herunterzufahren, mich in meine Dienstkleidung zu werfen und meine Beine unter den Arm zu nehmen, um rechtzeitig bei Marzi einzutreffen. Darüber vergesse ich auch erst einmal, was Angelo mir gerade erzählt hat, aber als ich bei Marzi eintreffe, hat mich die Neuigkeit bereits überholt. Da das gestohlene Kunstwerk nicht allzu bekannt ist, auch als Einzelstück weniger wert ist als die acht Teile zusammen, könnte es sein, dass der Dieb es schnell loswerden möchte. So sind bereits alle einschlägigen Händler von der Polizei verständigt worden, weil man offenbar davon ausgeht, dass die nächsten Stunden entscheidend sein könnten. Als ich Marzi erzähle, wie nahe dran an dem Diebstahl Angelo wahrscheinlich war, wird er sehr nachdenklich. Ich weiß, dass er Angelos Sachkunde sehr schätzt und uns als Familie nahezu liebt: Er war schließlich Angelos Trauzeuge und betrachtet sich ebenfalls als Luigis Großvater ehrenhalber. Aber natürlich weiß er mehr als fast jeder andere über Angelos Fälscher-Vergangenheit, und es mag durchaus sein, dass er ihm nicht in jeder Hinsicht traut. Wobei ich in diesem Zusammenhang jegliches Misstrauen gegen Angelo ungerecht finde. Dass er Kunstwerke ‚nachempfunden‘ hat, lag daran, dass er es konnte, dass sein Wissen und sein Talent so umfassend waren, dass bis heute nicht ein enttäuschter Käufer aufgetaucht ist, soweit wir wissen. Aber was Angelo getan hat, ist etwas ganz anderes, als in einem unbewachten Moment ein Bild von der Wand zu nehmen und auf irgendeinem Weg nach draußen zu schmuggeln. Aber da Marzi nichts dazu sagt, nur ein bedenkliches Gesicht macht, habe ich auch keinen Anlass, Angelo in Schutz zu nehmen. Keiner beschuldigt ihn bisher. Ich kann nur hoffen, dass es so bleibt, dass er zwar als Zeuge gehört wird, aber niemand auf die Idee kommt, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Der Nachmittag vergeht wie immer im Handumdrehen. Obwohl ich nur noch halbe Tage hier bin, sind doch meine Aufgaben in dem Maße gewachsen, wie Marzi mich eingearbeitet hat und ich mehr davon verstehe, worauf es im Kunstgeschäft eigentlich ankommt. Wir haben, wie wahrscheinlich viele andere Kunsthändler, eine Anfrage aus Dubai bekommen. Eine dortige Firma baut wohl gerade Luxuswohnungen für Menschen, die einfach zu viel Geld haben. Um die absurden Preise zu rechtfertigen, sollen diese Wohnungen von Anfang an mit Kunstwerken aus- gestattet werden, nach denen die Vertreter der Firma nun in Europa, in Italien und in Venedig suchen. Die Anfrage liest sich auf den ersten Blick verlockend, aber auf den zweiten Blick gibt es jede Menge Probleme. Da sind einmal Gesetze, die die Ausfuhr von nationalen kulturellen Gütern einschrän- ken, da sind auch unsere eigenen Bedenken, Werke, die den Geist und die Geschichte Venedigs atmen, wegzugeben, damit sie irgendwo zu Zimmerspring- brunnen umgearbeitet werden können. Marzi und ich hatten darüber eine lange Diskussion, wobei wir beide feststellten, dass unsere Bedenken geringer wären, wenn es sich darum handeln würde, ein Museum, das der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, auszustatten. Aber es geht tatsächlich nur um Kunstwerke als prestigeträchtige Einrichtungsge- genstände für Superreiche, die noch nicht einmal planen, diese Wohnungen tatsächlich zu bewohnen, und das macht uns beiden Probleme. Natürlich ist Marzi zuerst einmal Geschäftsmann und mag auch heimlich der Meinung sein, dass, wenn er sich der Kooperation verweigerte, es genügend Konkurrenten gäbe, die nicht seine Skrupel haben würden. Er spricht das nicht aus, aber ich weiß, dass es ihn beschäftigt. Und diese Überlegungen werden dadurch nicht einfacher, dass er weiß, dass es Kollegen gibt, die für ein gutes Geschäft auch sofort bereit wären, die Ausfuhreinschränkungen hart an der Grenze zum Kriminellen zu umgehen. Wir haben uns darauf geeignet, zunächst einmal zu prüfen, ob wir in dieser Kooperation überhaupt etwas anzubieten hätten und wo und wie wir weitere Objekte auftreiben könnten, die für einen solchen Handel in Frage kämen. Daran zu arbeiten, ist zurzeit mein Auftrag neben alle den Routinearbeiten, die mittler- weile auch zu meinem Job gehören. Angesichts der Liste, die ich bisher zusammen- gestellt habe, erinnere ich mich wieder an den Diebstahl in der Sant’Alvise. Könnte so etwas im Auftrag geschehen sein, weil es für einen Reichen in Dubai völlig gleichgültig wäre, was die Tafel darstellt und dass sie Teil eines größeren Ganzen ist, solange nur das Format und die Farben zur Ausstattung des einzurichtenden Raumes passen? Oder ist das nicht mehr als ein übles Vorurteil gegen Reiche im Allgemeinen und diese Reichen im Besonderen? Ich schäme mich ein bisschen und versuche, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Als ich abends nach Hause komme, ist mein kleiner Luigi schon satt und gebadet und wartet nur noch darauf, seiner Mutter einen Gutenachtkuss zu geben und seinen Teddy mit ins Bett zu nehmen. Seit neustem steht der Teddy, den er schon zur Taufe bekommen hat, ganz hoch im Kurs. Er ist der heimliche Freund, bei dem er sich ausweinen kann, wenn er abends irgendeinen Kummer mit ins Bett nimmt. Ich habe tatsächlich schon gehört, wie er leise auf sein Stofftier einspricht, in einer Geheimsprache, die wohl nur die beiden verstehen. Ich finde es bemerkenswert, dass es schon Dinge gibt, die der Kleine mit sich selbst ausmacht und dass er nicht mehr mit allem automatisch zu uns kommt. Ein erster Schritt zur Selbständigkeit? So früh? Sein zweiter Geburtstag liegt schon eine Weile zurück. Laufen kann er schon seit langem. Tatsächlich schafft er körperlich schon fast alles, hat aber noch kein Gefühl dafür, was gefährlich sein könnte, weshalb man ihn kaum aus den Augen lassen kann. Auch da ist sein Wunsch nach Selbständigkeit größer als sein Verständnis für Bedrohliches.